Diplomarbeit
Phasenmodell von
Wahrnehmung und Handlung
im Bereich Sozialer Arbeit
- Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung -
Dipl. Ing, Dipl. Soz. Päd. R o l a n d S t a n k e w i t z
rosta2@t-online.de
Inhaltsverzeichnis
1. Theorien der Sozialen
Arbeit aus Sicht des Praktikers
1.1 Beschreibung der Theorieumgebung
sozialer Arbeit
1.2 Probleme bei der Anwendung von
Theorien
2. Handlungsmodell als
Lösungsansatz
2.1 Differenziertes Modell von
Handlung und Wahrnehmung
2.2. Betrachtung existierender
Handlungsmodelle
2.3. Ontologische Aspekte des
Handlungsmodells und seiner
Systemumgebung
2.4. Definition der Aufgabenstellung
3. Handlung und Wahrnehmung
in bestehenden Theorien
3.1. Aspekte und Komponenten von
Handlung und Wahrnehmung
3.2. Zusammenfassung von
Handlungsaspekten verschiedener
Theorien
4. Beschreibung des
Handlungsmodells
4.1 Systemumgebung des
Handlungsmodells
4.3 Struktur und Phasen des Modells
4.4. Würde- und Fakteninstanz als
Schnittstellen zur Umgebung und
zur biologischen Ebene
5. Wahrnehmungs- und
Handlungsprozesse
5.1. Anwendung des Modells auf die
Beschreibung typischer Handlungs-
und Wahrnehmungsprozesse
6. Anschlussfähigkeit des
Modells an sozialpädagogische Theorien
7. Praktisches
Anwendungsbeispiel
8. Interpretation und
Bewertung des Anwendungsbeispiels
9. Reichweite des Modells,
Weiterentwicklung und Validierung
Gegenstand Sozialer Arbeit ist typischerweise die Hilfe bei der Lösung individueller, sozial relevanter Probleme im Rahmen bestehender gesellschaftlicher Normen. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Lösungsorientierungen: Die Durchsetzung berechtigter Ansprüche des Klienten an die Gesellschaft und die Anpassung der Einstellungen und des Verhaltens des Klienten an gesellschaftliche Anforderungen. Insbesondere für Sozialpädagogen sind darum klientenzentrierte Theorien Sozialer Arbeit praktikabel, die beide Problemlösungsansätze im Zusammenhang analysieren und anwenden lassen. Soziologische Theorien haben aber oft den Klienten als Individuum nicht mehr im Fokus. Psychologische Theorien zielen gewöhnlich auf therapeutische Interventionen, die von Sozialarbeitern nicht zu leisten sind. Die Erarbeitung einer vereinheitlichenden Theorie oder eines Modells größerer Reichweite, das gleichermaßen für soziologische wie für psychologische Analysen, Erklärungen und Interventionen anwendbar ist, gilt wegen der Komplexität der aktuellen Ansätze als nicht mehr leistbar. Da aber Berge bestiegen werden müssen, weil sie da sind, sollte meiner Meinung nach dieser Anspruch an die Modellbildung nicht aufgegeben werden. In diesem Sinne unternehme ich in dieser Arbeit den Versuch, die elementaren Prozesse von Handlung und Wahrnehmung als Kernprozesse psychosozialer Systeme innerhalb eines differenzierten Modells zu beschreiben und dabei möglichst viele Aspekte von Handlung und Wahrnehmung aus unterschiedlichsten Theorien widerspruchsfrei zu integrieren. Sollte ich damit scheitern, finden sich vielleicht andere, die den begonnen Weg weiter beschreiten und aus meinen Fehlern lernen können.
Im Text der folgenden Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit
nur die männliche Form von Berufsbezeichnungen verwendet. Die weibliche Form
ist in all diesen Fällen stets mit gemeint. Auf die evtl. unterschiedlichen
Berufsauffassungen von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen wird in dieser
Arbeit nicht eingegangen. Der Einfachheit halber wird der Begriff
„Sozialarbeiter“ auch verwendet, wenn sozialpädagogische Tätigkeiten im Mittelpunkt
stehen.
1. Theorien
der Sozialen Arbeit aus Sicht des
Praktikers
Sozialarbeiter, vom Gesetzgeber mit dem doppelten Mandat der
Hilfe und der
Kontrolle versehen, stehen unter Erfolgsdruck. Der Hilfebedürftige erwartet Verbesserung seiner Situation, die Gesellschaft die Anpassung des Klienten, der Sozialarbeiter die Sinnstiftung für sein Leben - indem er möglichst beiden Polen gerecht wird. Kostenkontrolle und Qualitätssicherungssysteme verlangen nach Objektivierung von Aufwand und Ergebnis seiner Arbeit. Dem Wertesystem unserer Gesellschaft verpflichtet, muß der Sozialarbeiter seine Entscheidungen wissenschaftlich legitimieren und klientenzentriert anwenden können. Deutungswissen zum Lösen dieser Aufgaben bezieht der Sozialarbeiter insbesondere aus Theorien der Bezugswissenschaften Soziologie, Psychologie und Pädagogik.
Die Bereitstellung von Handlungswissen und dessen Evaluation
in der Praxis ist Aufgabe der in Entstehung begriffenen
Sozialarbeitswissenschaft (vgl. Michel-Schwarze 2002, S.57ff). In diesem
Bereich existieren bisher Theorien kleiner und mittlerer Reichweite wie z.B.
die Rollentheorie, Theorien abweichenden Verhaltens oder das Empowermentkonzept.
Theorien großer Reichweite steuern die Bezugswissenschaften „Psychologie“ und
„Soziologe“ bei. In der Psychologie sind dies insbesondere Theorien der
Entwicklungspsychologie, Individualpsychologie und Tiefenpsychologie. Einen
Verständnisrahmen mit oft universellem Anspruch bieten soziologische Theorien
wie Luhmanns Systemtheorie oder systemistische Ansätze an. Für den Praktiker
sind diese Theorien der Schwesterwissenschaften wichtig, um Erklärungsmuster
zur Orientierung im komplexen Feld Sozialer Arbeit zu erhalten. Handlungswissen
für soziales Handeln läßt sich aber aus ihnen nicht direkt gewinnen. Ein Grund
dafür ist, daß auf Grund des Selbstverständnisses der jeweiligen Wissenschaften
die psychologischen Handlungsorientierungen therapeutisch und die
soziologischen Handlungsoptionen politisch orientiert sind. Der Sozialarbeiter
muß bei der Entscheidung über Hilfen oder Eingriffe in das Leben seiner
Klienten gleichermaßen psychologische, soziale, rechtliche und andere
Perspektiven berücksichtigen. Im Akt der Handlung ist er zur Integration aller
Perspektiven gezwungen und muß den Konflikt ertragen, nicht allen gleichermaßen
gerecht werden zu können. Ein nicht abzuweisender Anspruch an Theorien der
Sozialarbeitswissenschaft liegt daher in der Erarbeitung von integrativen und interdisziplinären
Ansätzen und handlungsleitenden Methoden (vgl. Galuske/Müller 2005, S.487).
Wie im doppelten Mandat des Sozialarbeiters angelegt,
definiert die Bipolarität zwischen Hilfe und Restriktion das Feld möglicher
Konfliktlösungsstrategien für den Sozialarbeiter. Aus Sicht des Klienten
bedeutet diese Polarität entweder, seine bestehende Einstellungs- und
Handlungsstruktur im Konflikt gegen seine soziale Umgebung durchzusetzen oder
anpassen zu lassen. Eine angemessene Hilfe für den Klienten kann auch darin
bestehen, vom System nicht vorgesehene Hilfen anzustreben oder vorgesehene
Restriktionen abzuwenden. Insbesondere diese oft erforderliche Arbeit „von
innen gegen das System“ (vergl. Mullaly 1997, S.163ff) bedarf einer
wissenschaftlichen Legitimation und Argumentation, welche die Beziehung
zwischen Individuum und Gesellschaft nicht ausschließlich vom psychologischen
oder ausschließlich vom soziologischen Standpunkt aus betrachtet.
Die Theorie-Diskussion der Sozialwissenschaften wurde in den
letzten Jahren vor allem durch die Absorbtion der Systemtheorie von Luhman
(vergl. Luhmann 1984) und die darauf erfolgten Gegenentwürfe dominiert (vergl.
Merten 2000).
Die Stärke des Luhmannschen Theorierahmens, die funktionale
Analyse von sozialen Systemen, wird in der Diskussion meiner Beobachtung nach
vor allem mit ihrer konzeptionellen Schwäche, der Ablehnung substanzieller
Elemente konfrontiert. Die Teilhabe an Ressourcen wurde in dem dynamisierten,
auf Kommunikation basierenden Entwurf Luhmanns zu Inklusion bzw. Exklusion
transformiert. Damit sind jedoch nicht alle sozialen Machtphänomene beschreibbar
und für den Praktiker relevante Ordnungsansätze schwer erkennbar (vergl.
Staub-Bernasconi 2000).
Die Macht zur Definition und Gestaltung der Welt, die
konstruktivistische Konzepte wie die Systemtheorie dem Menschen in die Hand
geben, kann nach meiner Meinung nur wirksam werden, wenn der Spieleinsatz, das
Einbringen der individuellen, begrenzten Lebens-„Ressource“, gezahlt wird. Eine
Motivation dazu vermittelt Luhmann nicht. Ob dies Gegenentwürfen zu Luhmann,
wie z.B. dem Systemismus von Werner Obrecht (vergl. Obrecht 2005) gelingt, wird
die Praxis zeigen: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche
Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische
Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, das heißt die Wirklichkeit
und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die
Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert,
ist eine rein scholastische Frage.“ (Marx 1983, S. 5f). Was aber praktischer
Erfolg konkret ist, bewertet der Klient, der Sozialarbeiter und die
Gesellschaft nach jeweils eigenen Werten auf Basis der eigenen Würde, die
theoretisch vielleicht zu erklären, aber nicht zu begründen ist.
Aus meiner Sicht sollten auch soziologische Theorieansätze die aus evolutions-theoretischen Prinzipien ableitbaren Schlüsselkategorien: „Ressource“, „Information“ und „Organisation“ in ihrem Zusammenwirken berücksichtigen (vergl. Ebeling/Feistel 2007).
Eine Besonderheit der Profession der Sozialarbeiter besteht
für mich darin, daß diese in der Fallbearbeitung einem Menschen in einer
Totalität gegenüberstehen bzw. beistehen, wie es in kaum einer anderen Profession
der Fall ist. Während Mediziner, Juristen oder Lehrer nur spezielle und abgrenzbare
Probleme ihrer Klienten zu berücksichtigen haben, muß der Sozialarbeiter alle
gesellschaftlichen Bedingungen seiner Existenz berücksichtigen und die
jeweiligen Einstellungen des Klienten zu diesen Bedingungen verstehen. Dabei
geht es nicht nur um die Vermittlung materieller oder lebenspraktischer Hilfe,
sondern vermehrt um sozialpädagogische Aufgaben wie Hilfe bei der
Sinnkonstruktion, Vermittlung von Werten, Bewältigung von psychosozialen
Krisen. Die Anwendung von theoretischem und methodischem Wissen muß dabei
fallbezogen erfolgen. Eine Standardisierung von Situationen und damit von
Methoden wird in der postmodernen Sozialarbeit immer schwerer, was die
individuelle Deutungs- und Handlungskompetent des Sozialarbeiters immer wieder
herausfordert (vgl. Gerber/Benz, 2007). Das eigentliche Dilemma der
Sozialarbeits-Praxis in Gesellschaften mit sozialstaatlichem Anspruch ist
meiner Meinung nach jedoch das Verhältnis von „Hilfe“ und „Erziehung“ im Sinne
von Hilfe zur Sozialisation. Nicht das Fehlen von Theorien zur Hilfe oder zur
Erziehung ist das Problem sondern die Asymmetrie, die sich in der Durchsetzung
von soziologischen versus psychologischen Lösungsansätzen ergeben hat: Die
politische Dominanz soziologischer Theorien oder deren kostengünstige Realisierungsoptionen
haben dazu geführt, daß heute materielle Hilfen als Anspruch gegenüber dem
Staat bestehen, ohne daß als Gegenleistung Integrationsbemühungen zu erbringen
sind. Aus soziologischer Sicht der Ressourcenverteilung ist damit das Problem
vorerst behoben. Ein Sozialarbeiter jedoch, der mit der Ambition der Hilfe zur
Selbsthilfe an Einstellungsänderungen seiner Klienten arbeiten will, findet
sich in der Rolle eines Mannes wieder, der auf dem Markt Angeln verkaufen will,
während an den Nachbarständen Fische umsonst angeboten werden. Die Anwendung
der existierenden und unumstrittenen Theoriegerüste der Motivationspsychologie
(vgl. Heckhausen 2006) und der Theorien der Moral-entwicklung (vgl. Kohlberg
1996) unter diesen Voraussetzungen ist aus meiner Sicht das eigentliche Problem
der Profession „Sozialarbeit“. Während in höheren Stufen der Moralentwicklung
intrinsische Motivationslagen eine Selbsthilfe in Gang setzen können, bedarf der
Klient auf einer präkonventionalen Stufe der Moralentwicklung einer materiellen
Motivation. Auch aus pädagogischer Sicht wäre der Mensch in die Freiheit der
Selbstbestimmung erst zu entlassen, wenn er diese für sich und die Gesellschaft
auch Nutzen kann (vgl. Durkheim 2004, S.50ff).
Aus dem Spektrum der psychologischen Ansätze bietet sich in der beschrieben Situation die Methode der kognitiven Dissonanz an zur Erzeugung von Motivation an (vgl. Heckhausen 2006, S.96ff). Dabei wird der Klient durch neue Informationen und die Vermittlung neuer Erfahrungen in eine Situation gebracht, in der er in einen inneren Konflikt zwischen widersprüchlichen Werten und Einstellungen gerät. Evtl. müssen auch nur verdrängte, nicht mehr bewusste, Widersprüche offen gelegt werden. Jesus hat diese Methode, lange bevor sie unter dem Namen „Kognitive Dissonanz“ bekannt war, mit Erfolg eingesetzt: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen“ (Johannes, Kap.15 Satz 22). Seine Auffassungen von Menschenrechten haben sich immerhin seitdem nahezu weltweit durchgesetzt. Für einen Sozialarbeiter in der heutigen Zeit kann die Aufgabe darin bestehen, mit Hilfe der so entstandenen Motivation eine Persönlichkeitsentwicklung, die oft die Voraussetzung der Problemlösung ist, in Gang zu setzen und zu begleiten.
Für die Auslösung und Begleitung dieser Prozesse ist es für den Sozialarbeiter hilfreich, anwendbare Vorstellungen einer Struktur von Entscheidungsprozessen zu haben. Dazu will diese Arbeit einen Beitrag leisten.
Die Anzahl und die Komplexität der Theorieansätze mit Relevanz
für die Sozialarbeit ist groß. Dem Praktiker fällt die Orientierung in Ihnen
und die Ableitung handlungsleitender Erkenntnisse oft schwer. Aus meiner Sicht
von zentraler Bedeutung für die Soziale Arbeit und damit als Orientierungspunkt
geeignet ist der Akt der Handlung. Eine universelle Betrachtung unterscheidet
dabei nicht zwischen der Handlung eines Klienten und der des Sozialarbeiters
oder des Therapeuten. Von der Handlung ausgehend lassen sich Motivationslagen,
Werte und Kompetenzen in Ihrem Einfluss auf Entscheidungen analysieren sowie
die beabsichtigte und wahrgenommene Wirkung der Handlung in die Gesellschaft
und zurück auf den Handelnden betrachten. Dabei wird deutlich, daß die Qualität
der Wahrnehmung die Handlung beeinflusst und umgekehrt die Handlung die Art der
Wahrnehmung verändert. (vgl. Heckhausen 2006, S.98f) Handlung und Wahrnehmung
sollten daher im Zusammenhang betrachtet werden.
Für eine praktikable Anwendung kann es nach meiner Meinung ein Vorteil sein, die Zusammenhänge und die Binnendifferenzierung von Handlung und Wahrnehmung in verdichteter Form als ein Modell zu beschreiben. Die nach
Stachowiak vorgeschlagenen drei Hauptmerkmale von Modellen: Das Abbildungsmerkmal, das Verkürzungsmerkmal und das Subjektivierungsmerkmal (vergl. Stachowiak 1973), verbessern die Anschaulichkeit von grundlegenden Zusammenhängen. Dem Vorteil der Anschaulichkeit des Modells steht aber das Risiko der Simplifizierung von Erklärungszusammenhängen gegenüber sowie der Versuchung, die Wahrnehmung ausschließlich nach den im Modell verwendeten Kategorien zu selektieren.
Im Folgenden werden existierende Modelle mit Handlungsbezug kurz vorgestellt:
Das strukturfunktionale Rubikon-Modell (vgl. Heckhausen 2006, S.278ff) unterscheidet vier aufeinander folgende Phasen einer Handlung, wobei zwei Phasen dem Abwägen und Planen gewidmet sind, eine dritte dem Handeln selbst und eine vierte dem Bewerten der Handlung.
Die eigentliche Entscheidung (Vorsatzbildung) erfolgt beim Übergang zwischen Abwägen und Planen. Jeder der vier Phasen wird eine eigene Bewusstseinslage mit jeweils spezifischer kognitiver Orientierung zugeordnet.

Abb.1: Rubikon Modell (Heckhausen 2006, S.278)
Die Phasen werden sequentiell durchlaufen, wobei die
Voraussetzung für den Beginn einer Phase der Abschluß der vorigen Phase ist.
Weiterhin wird unterschieden zwischen Motivation als Begriff für Prozesse,
welche das Setzen von Zielen betreffen und Volition als Begriff für Prozesse
der Realisierung von Zielen (Heckhausen 2006, S.281).
Auch das 3-Instanzenmodell von Freud (vergl. Freud 2005, S.253 ff) kann als Handlungsmodell aufgefasst werden. Danach wirken in der Psyche des Menschen die Instanzen „Es“ und „Über-Ich“, zwischen denen das „Ich“ vermittelt. Das „Es“ existiert dabei als primäre Instanz und bezeichnet die psychische Struktur, die aus Trieben, Bedürfnissen und Affekten besteht. Das „Über-Ich“ repräsentiert als Ich-Ideal die durch den Sozialisationsprozess von signifikanten Anderen übernommenen Werte. Das „Ich“ vermittelt einerseits die durch die Sinne erfahrbare Außenwelt und vermittelt zwischen den Bedürfnissen des „Es“ und einer sozial konformen, vom „Über-Ich“ kontrollierten Bedürfnisbefriedigung. Im Unterschied zum Rubikon-Modell, welches Handlungsphasen differenziert, wird im 3-Instanzenmodell die grundlegende Dialektik des individuellen Handlungsaktes, die Synthese zwischen biologischen und sozialen Anforderungen, thematisiert. Die Art und Weise dieser Synthese, sei es in Form von Verdrängung, Sublimierung Projektion oder anderer Formen, definiert die Qualität des Handlungsaktes dieses Modells. Der Konflikt zwischen „Es“ und „Über-Ich“ steht dabei im Mittelpunkt. Die Zuordnung des bewussten Empfindens zum „Ich“ darf nicht statisch gesehen werden, soll im Rahmen dieses Modells aber als Normallfall gelten (vergl. Freenet-Lexikon 2007).

Abb.2: 3-Instanzenmodell (Freenet-Lexikon
2007)
Aus der Verhaltenstherapie ist das SORCK-Modell nach Kanfer
und Saslow
bekannt:

Abb.3:
Sorck-Modell (Freenet-Lexikon 2007)
Dieses Modell lässt situative Reize als Stimulus (S) auf den Organismus (O) wirken, um eine Reaktion oder Handlung (R) zu erzielen. Diese führt zu Konsequenzen (K), die zurückgekoppelt zu einer Beziehungsverknüpfung oder Contingenz (C) führen. (vergl. Walter 2007). In diesem Modell wird die Konsequenz als äußere Wirkung eingeführt und auf die Reaktion zurückgekoppelt. Damit lassen sich Lernprozesse beschreiben.
Aus der Verhaltensbiologie sind insbesondere das psychohydraulische Instinktmodell von Konrad Lorenz und darauf aufbauende kybernetische Modell von Bernhard Hassenstein bekannt.

Abb. 4: Psychohydraulisches Instinktmodell (Deutsche Zentrale für biologische Information 2007)
Die Steuerung der Nahrungsaufnahme wird in diesem Modell wie folgt beschrieben:
„Der äußere Reiz der Nahrung (1) wird im Koinzidenzelement (2) mit der Stärke der Motivation verrechnet. Sind beide hoch genug, wird das Verhalten der Nahrungsaufnahme (3) ausgelöst. Über einen Fühler (4) wird das Ausführen des Verhaltens an das Instinktzentrum zurückgemeldet und die Motivation gesenkt. Durch die Nahrungsaufnahme wird dem Körper Substanz zugeführt (5), dies erhöht die Regelgröße, den Versorgungszustand. Ein Messfühler (6) registriert die Verschlechterung des Versorgungszustandes und meldet dies an das Instinktzentrum, woraufhin die Motivation zur Nahrungsaufnahme wieder steigt.“ (Deutsche Zentrale für biologische Information 2007).
Die Anwendung kybernetischer Modelle auf Lebewesen, insbesondere auf Menschen, war von Anfang an umstritten. Interessant sind jedoch der verwendete 2-stufige Regelkreis und die ausgewogene Verwendung substantieller und struktureller Kategorien. Sozial ausgelöste Ersatzhandlungen (Übersprunghandlungen zum Abbau von angestauter Energie ohne Schlüsselreiz) wurden in Modellen dieser Art erklärt.
Das Prozessmodell aggressiven Verhaltens nach Kaufmann geht
von vier Stufen der Wahrnehmung und Handlungskontrolle aus, bis der eigentliche
Handlungsakt ausgeführt wird. In der Stufe 1 wird der Grad der Bedrohlichkeit
eingeschätzt. In Stufe 2 wird auf Grund von Gewohnheit eine Vorauswahl zwischen
angemessener Selbstbehauptung und Aggression getroffen. Die 3. Stufe Hemmt die
Handlung auf Grund von Hemmungspotential, das durch Nutzen oder negativen Konsequenzen
ähnlicher Handlungen in der Vergangenheit verknüpft ist. In Stufe 4 werden
mögliche Konsequenzen der Handlung vorweggenommen und bewertet (vergl.

Abb. 5: Prozessmodell aggressiven Verhaltens,
Bei den betrachteten Modellen fällt ihre geringe Binnendifferenzierung auf.
Neuere System-Entwürfe arbeiten heute mit Kategorien wie „Selbstorganisation“, „Fließgleichgewicht der Ressourcen“ und „Nichtlinearer Dynamik durch Rück-kopplungseffekte“ (vergl. Kritz 2007 und Ebeling/Feistel 2007). Die damit verbundene Komplexität und Multi-Dimensionalität der Zusammenhänge erschwert die Erarbeitung von Modellen.
These dieser Arbeit ist, daß eine weitere Differenzierung in Handlungs- und Wahrnehmungs-Phasen in einem Modell zu einem Erkenntniszuwachs führen kann. Anwendungsgebiete des Modells könnten insbesondere die Konfliktforschung und deren De-Eskalationsmethodik sein oder die Erweiterung bestehender Beratungsmodelle.
Dem Wesen nach ein Erklärungsmodell, soll in dieser Arbeit ein Handlungsmodell mittels Abduktion aus Aspekten und Komponenten von Handlung und Wahrnehmung bestehender Theorieumgebungen entworfen werden. Nach Peirce ist: „….Abduktion .. jene Art von Argument, die von einer überraschenden Erfahrung ausgeht, das heißt von einer Erfahrung, die einer aktiven oder passiven Überzeugung zuwiderläuft. Dies geschieht in Form eines Wahrnehmungsurteils oder einer Proposition, die sich auf ein solches Urteil bezieht, und eine neue Form von Überzeugung wird notwendig, um die Erfahrung zu verallgemeinern“ (Peirce 2007).
Voraussetzung für ein kohärentes Modell ist aber die plausible Konkretisierung eines existierenden oder zu beschreibenden Theoriesystems. Die Anschlussfähigkeit des Modells ergibt sich indirekt aus der Anschlussfähigkeit des zu Grunde liegenden Theoriesystems. Durch die Herkunft aus differierenden Theoriesystemen bedingt, werden sich die Aspekte und Komponenten von Wahrnehmung und Handlung nicht kohärent in ein Modell zusammenfügen lassen. Die Einführung vereinheitlichender Kategorien und deren kohärente Zusammenfassung in einer elementaren theoretischen „Minimal-Umgebung“ des Modells wird darum erforderlich werden.
Der Einfachheit halber soll in dieser Umgebung die Rolle des Bewusstseins für Wahrnehmung und Handlung nicht betrachtet werden. Im Gegensatz zum Neopragmatismus von Rorty soll jedoch nicht die Existenz mentaler Prozesse geleugnet werden (vergl. Rorty 2004). Das Bewusstsein wird als primäre unabhängige Kategorie mit der Qualität „Identifikation“ postuliert. Diese Kategorie sei dem Modell immanent, für die funktionelle Beschreibung des Modells aber nicht relevant, da die Qualität „Identifikation“ im Modell als konstant angenommen wird.
In ihrer Wahrnehmung als Phasenfolgen sind Handlung und Wahrnehmung
als Prozesse zu betrachten. Fokus des Modells sollen die Abläufe und Abhängigkeiten
innerhalb des handelnden Subjekts sein und nicht das Handeln primär als Ursache
äußerer Veränderungen betrachtet werden. Daher sollte die Modellumgebung
prozeßontologisch auf „Aktivität“ im Gegensatz zu „Veränderung“ orientieren
(vergl. Gill 2003, S. 3). Nach Seibt ist Aktivität die Zustandsform einer
Erscheinung, definiert durch die Bedingungen eines Netzwerkes von Interferenzen
(vergl. Seibt 2003, S. 23ff). Prozesse
werden durch folgende Parameter beschrieben::
a) patterns
of possible spatial and temporal recurrence
b) kinds of
components
c) kinds of
dynamic composition
d) kinds od
dynamic flow
e) dynamic context (vergl. Seibt 2003, S. 23ff).
Christensen weist darauf hin, daß nach einem pragmatischen Ansatz nicht die Wahrnehmung und deren Repräsentation in Form von abgebildeten Regeln die Handlung determiniert, sondern daß in einem Prozeß der Interaktion zwischen Erwartung, Wahrnehmung und Handlung die Wahrnehmung auf relevante Faktoren gefiltert wird (vergl. Christiensen 2003, S. 157).
Bei der Analyse bestehender Theorien soll, wie im Kapitel 1.1 im Rahmen der systemtheoretischen Betrachtungen eingeführt, die Relevanz der Kategorien: „Ressource“, „Kommunikation“ und „Organisation“ beachtet werden.
Zur Erarbeitung eines Modells von Handlung und Wahrnehmung sind folgende Einzelaufgaben zu lösen:
Bestehende soziologische, psychologische und
sozialpädagogische Theorien sind auf die Beschreibung von Aspekten und
Komponenten von Handlung und Wahrnehmung zu untersuchen. Auf der Basis von möglichst
vereinheitlichenden Kategorien und der Betrachtungen im Kapitel 2.3 soll eine
Verdichtung der gefundenen Aspekte und Komponenten erfolgen. Im nächsten
Schritt wird kurz eine elementare Systemumgebung des Modells beschrieben, die
auf den vereinheitlichenden Kategorien basiert und diese in einen funktionellen
und strukturellen Zusammenhang bringt. Anschließend wird das Modell von
Handlung und Wahrnehmung als kohärente Anwendung der Systemumgebung unter
Verwendung der gefundenen Aspekte und Komponenten entworfen. Die einzelnen Handlungs- und Wahrnehmungsphasen und ihr
Zusammenhang werden erklärt. Die Beziehung des Modells zur biologischen
Systemebene sowie zur Ebene der Gesellschaft wird beschrieben. Anschließen
folgen beispielhafte Anwendungen und Untersuchungen der Anschlussfähigkeit an
bestehende Theorien.
Nach Berger und Luckmann “ ... treibt den Menschen seine
biologische Konstitution, Nahrung und sexuelle Entspannung zu suchen”
(Berger/Luckmann 2004, S. 193). Dabei muß der Mensch, gesellschaftlich vermittelt,
seine Triebe spezialisieren und richten (vergl. ebenda S. 56).
Institutionalisierung und damit Bildung von gesellschaftlicher Wirklichkeit
erfolgt durch Typisierung von Handlung mit dem Ziel, die begrenzte Resource
“Achtsamkeit” zu schonen (vergl. ebenda S.61). In der Sozialisation ist die
Vis-á-vis Situation von grundlegender Bedeutung. Sie begründet die
Indentifikation mit signifikanten Anderen als essentieller Baustein der
Identitätsbildung (ebenda S. 31 ff). Handlung und Wahrnehmung werden als ausschließlich
soziale Akte im Sinn von Internalisierung und Externalisierung beschrieben
(vergl. ebenda S.65). Internalisierung und Externalisierung haben dabei den
Charakter von Kommunikation wie auch einer strukturellen Objektivierung. Ihr
Zusammenspiel wird als dialektischer Prozesses mit dem Ziel eines Gleichgewichts
definiert, in dem das Bild von der Welt und das Bild vom “Ich” mit der erlebten
Wirklchkeit von Welt und “Ich” adäquat ist (vergl. ebenda S.139 ff). Eine genaue
Betrachtung zeigt nach meiner Meinung jedoch, daß der Vis-á-vis Situation eine
noch grundlegendere Situation vorgeschaltet ist: Die Situation, in der das
Kind, während es in das Gesicht der Mutter schaut, die Muttermilch als pure,
wenn auch sozial vermittelte ”Substanz” internalisiert. Man wird also zwischen
substanziellen Mangellagen und Überschußlagen zu unterscheiden haben, die den
Freiheitsgrad der Selektion von Handlungsoptionen determinieren. Auch die
radikal soziologische Definition von Umwelt kann hinterfragt werden.
Idealtypischerweise steht nach meiner Meinung das Individuum einsam aber
autonom einer nicht-sozialen Umwelt (Natur) gegenüber oder ist als Glied in
eine soziale Gemeinschaft (Sippe) eingebunden. Die omnipresente moderne
Gesellschaft sorgt nun einerseits dafür, daß alle relevanten Ressourcen gesellschaftlich
verteilt werden. Auf der anderen Seite gleicht sie in Ihrer
Unübersichtlichkeit, Anonymität und Bindungslosigkeit wieder mehr einer “Natur”
als einer Sippe. Dadurch wächst die Anforderung an die Autonomie-Kompetenz der
Individuen, was sich als Tendenz zur Individualisierung in allen Bereichen des
Lebens zeigt. Moderne Mythen aus Hollywood modellieren nicht zufällig das Bild
des einsamen Helden im postmodernen “Dschungel”. Sinnstiftende Interventionen
der Sozialarbeit werden z.B. dem Haftentlassenen immer weniger immer auf
intakte “Sippen” verweisen können und sind dann auf die Vermittlung
alternativer, evtl. auch autonomiezentrierter Wertesysteme angewiesen.
Bei Luhmann hat Handlung und Wahrnehmung wie fast alles
Andere auch, mit Differenz und Selektion zu tun. Handeln ist demnach eine
Selektion von Optionen mit Umweltbezug, Wahrnehmung eine Selektion von Differenz
mit Selbstbezug (Luhmann 1987, S. 57). Die Einheit der Handlung wird als
sozialer Tatbestand, entstanden durch soziale Prozesse der Zurechnung,
verstanden (ebenda S.44).
Kommunikation ist nach Luhmann das Prozessieren von
Selektion. Es wird zwischen Information, Mitteilung und Verstehen auf Grundlage
der Erwartung im Akt der Aufmerksamkeit unterschieden (vergl. ebenda S.197 und
S.330). Auch Erziehung als intentionalisiertes soziales Handeln wird auf
Kommunikation reduziert (vergl. ebenda S.330). Entscheidend bei Luhmann ist,
daß sich soziale und psychische Systeme gegenseitig Umwelt sind, d.h. daß nicht
etwa ein primäres psychisches System durch Handlung eine soziale Institutuon begründet
(vergl. ebenda S.346f). Interessant ist die Definition von “Handlung” und
“Erleben” als Zurechnung der Sinnselektion: “Wird die Sinnselektion der Umwelt
zugerechnet, gilt die Charakterisierung Erleben ... Wird dagegen die
Sinnselektion dem System selbst zugerechnet, dann gilt die Charakterisierung
Handeln... “ (ebenda S.124). Die Sinnselektion weist damit eine der
Optionsselektion (siehe oben) entgegengesetzte Orientierung auf. Sinn wird von
Luhmann als Prozessieren eines Options-Überschußes nach Maßgabe von Differenzen
verstanden, die selbstrefferrierend durch den Sinn selbst geschaffen werden (vergl.
ebenda S.92 ff). Die Rolle sinnstiftender Bedeutungen von Schlüsselressourcen
wie Autonomie oder Sicherheit wird nicht thematisiert. Aber auch bei Wahl eines
Systemansatzes, der Ressourcen einschließt und handelnde Subjekte betrachtet, könnten
Handlung und Wahrnehmung als Prozessieren von Optionsüberschüssen verstanden werden.
Im Werk Whiteheads möchte ich ausschließlich auf sein
Resüme, auf die dialektisch zu bezeichnende Einheit der primären Kategorie
“Subjekt” (Gott) mit der Welt hinweisen (vergl. Whitehead 1987, S.611 ff).
Diese Art der Verbindung schafft die einfache Möglichkeit, Bewußtsein und seine
Zustände wie z.B. Simulation (Denken) oder Liebe als Identifikationsmodi und
Identifikationsorte des Subjekts zu definieren und nicht als Produkt komplexer
selbstbezüglicher Organisation konstruieren zu müssen.
Die Motivationspsychologie, zusammengefaßt durch Heckhausen,
erklärt Handeln unter anderem mit offenen statischen Modellstrukturen wie dem
Rubikonmodell oder der Feldtheorie von Lewin. Eine Interaktion wird in Gang
gesetzt, wenn das Gleichgewicht zwischen hemmenden und aktivierenden Reizen
verloren geht. Dabei ist das Zusammenspiel von Zielen und Gelegenheiten bzw.
von Bedürfnissen und Anreizen grundlegend (vergl. Heckhausen 2006, S.5). Lewins
Personenmodell untersucht vorwiegend Volitionsprobleme (vergl. ebenda S.110).
Das Emotionsmodell nach Scherer postuliert 5 Phasen der
Informationsverarbeitung, die insbesondere den emotionalen Wert der Information
berücksichtigen: 1. Prüfung auf Neuartigkeit, 2. Prüfung der Orientierung im
Sinne von Lust oder Unlust 3. Prüfung der Bedeutung im aktuellen situativen
Kontext. 4. Prüfung auf Bewältigungsmöglichkeiten 5. Abgleich mit sozialen
Normen (vergl. ebenda S. 62).
Komplexer ist das Züricher Modell der sozialen Motivation.
Es geht von Regelkreisen aus, die über Emotionen das Verhalten steuern. Ein Sicherheits-Regelkreis
thematisiert Sicherheit vs. Autonomieverlust, ein Erregungsregelkreis Neugier
vs. Furcht, ein Selbstwachstums-Regelkreis Affekte und ihr Bewältigungspotential
und ein Willenbahnungsregelkreis Affekte vs. Sicherheit. Im Zusammenwirken
dieser Mechanismen kann über einen Lernprozess eine Bewältigungsstrategie
erworben werden, die auf Grund von Erfahrung negative Affekte zu positiven Affekten
wie Neugier und Unternehmungslust transformiert, indem sie im Kontext von Sicherheit
gehandhabt werden (vergl. ebenda S.65 ff).
Davidson beschäftigt sich vor allem mit Intentionalität von
Handlungen und dem bipolaren Konflikten, die zu Handlungen führen, die nicht
beabsichtigt waren. Dabei unterscheidet er zwischen dem Konflikt zwischen
Vernunft und Lust und dem Konflikt zwischen mehr oder weniger restriktiven
Moralvorstellungen (vergl. Davidson 1985, S. 54). In Auseinandersetzung mit
Humes indirekten aber handlungsleitenden Leidenschaften wird von Davidson der
Stolz als “unabhängige” Leidenschaft mit Bezug auf sich selbst zuzuschreibende
Eigenschaften thematisiert (vergl. ebenda S.384). Interessant, ist, daß Hume
die Tugend nicht der Lust gegenübestellt, sondern erklärt: “das eigentliche
Wesen der Tugend... ist, Lust zu bereiten” (Hume 1888, 296,I,7).
Nach Bischof entstehen Scheinprobleme dadurch, daß
sensorische und motorische Funktionen in Systemen strukturell getrennt werden. Nach
Erkenntnissen der Gehirnforschung ist die Bedeutung zentralnervöser Signale
weder ausschließlich sensorisch oder motorisch zu beschreiben. Damit haben alle
organismischen Prozesse einen kognitiven und intentionalen Bedeutungsinhalt. So
können Emotionen als Einfärbung der Erlebniswelt wie auch als
Handlungsbereitschaft beschrieben werden. Transformationen von einem
sensorischen in einen motorischen Code, wie sie der Seele zugeschrieben wurden,
sind nicht erforderlich. Bedeutung wird als Funktion der Struktur des Systems
definiert (vergl. Bischof 1998, S.354 ff). Bischof unterscheidet zwischen
Wirkungsgefüge und Modell. Ein Wirkungsgefüge beschreibt Wirkungszusammenhänge,
aber keine Energie- oder Masseflüsse. Sie entstehen als reine Abstraktion des
Systems. Modelle sind ihrerseits auch Systeme, die nicht nur weniger, sondern
zugleich auch mehr Eigenschaften aufweisen als das, wofür sie stehen.
Hypothetische Wirkungsgefüge, in denen über quantitative Eigenschaften Annahmen
gemacht werden oder vereinfachend linearisierende Wirkungszusammenhänge
angenommen werden, sind als Modell zu betrachten (vergl. ebenda S.36 ff).
Für den Biologen Wilson wird Verhalten von epigenetischen
Regeln gelenkt. Dies sind: “... angeborene Operationsweisen, des Sinnessystems
und Gehirns, sozusagen die Faustregeln, die es dem Organismus erlauben,
schnelle Lösungen für Probleme zu finden, auf die er in der Umwelt stößt”
(Wilson 1998, S.258). Diese Regeln prädisponieren Individuen, die Welt auf
bestimmte Weise wahrzunehmen. So tendiert der Mensch dazu, im Falle nur weniger
und instabiler Ressourcen, viele Kinder zu bekommen. Sind reichliche und
stabile Ressourcen vorhanden, zieht er es vor, weniger aber qualitativ
hochstehende Nachkommen zu zeugen und auszubilden (vergl. ebenda S. 274 f).
Aufgabe des Gehirns ist es nach Wilsen, Bilder der Wirklichkeit zu erzeugen,
aufzubewahren und aus diesen Bildern dynamische Szenarien zu simulieren. “Die
Auswahl eines von mehreren konkurrierenden Szenarien des Verstandes entspricht
dem, was wir Entscheidungsprozeß nennen” (ebenda S. 155). Bewußtsein ist die
aus solchen Szenarien zusammengesetzte virtuelle Welt (vergl. ebenda S. 148).
Handlung aus entwicklungspsychologischer Sicht wird als
zweiseitig gerichteter Prozeß verstanden: ”Auf der Seite der Umwelt baut sie
den Gegenstand auf, verändert ihn oder manipuliert ihn. Auf Seiten des Individuums
baut sich durch Handlung zugleich der Begriff, das Wissen und das Verständnis
des Gegenstandes auf” (Oerter/Montada 1987, S.112). “Die Doppelrichtung der
Handlung läß sich durch die Prozesse Vergegenständlichung (Veränderung der
Umwelt) und Aneignung (Veränderung des Individuums) kennzeichnen (ebenda
S.112). Im Laufe der Entwicklung baut sich eine Handlungsstruktur auf, die aus
Erkenntnis, Repräsentation und Wissen um Handlungsoptionen einerseits und aus
Handlungsstrategien andererseits besteht. Diese subjektive Struktur steht der
kulturell vorgegebenen objektiven Ordnung der Handlungsmöglichkeiten gegenüber
(vergl. ebenda S. 117 f). Die subjektive Struktur verändert sich im Laufe der
Entwicklung in Richtung “tieferliegender” Merkmale wie Motive und Ziele.
Bezüglich der Motivation geht die Entwicklungspsychologie
von einem primären und einem sekundären Motivationssystem aus. Das primäre
Motivationssystem wird vom Lust-Unlust Prinzip beherrscht. Es wird durch
externe Reize und Verstärker gesteuert. Das sekundäre Motivationssystem dagegen
basiert auf der Hoffnung auf Erfolg und der Furcht vor Mißerfolg. Es operiert
mit in der Zukunft liegenden Zielen und setzt Aufschub der Triebbefriedigung
auf der Grundlage von vorweggenommenr (vorgestellter) Gratifikation voraus
(vergl. ebenda S 646 ff). Das sekundäre Motivationssystem reguliert sich
selbst: “Ein selbstgesetztes Ziel wird durch eine mehr oder minder planvoll
arrangierte Tätigkeit erreicht, wodurch sich das Individuum selbst bekräftigt.
Auf diese Weise ist es unabhängig von äußerer Kontrolle...” (ebenda S. 649).
Nicht Affekte, sondern aus internalisierten Regeln abgeleitete Erwartungen
werden handlungsauslösend.
Bei der Betrachtung der Neugiermotivation wird festgestellt,
daß diese sich in einem Balancepunkt zwischen Langeweile
(Sicherheit/Nähe-Reizhomogenität) und Angst (Autonomie/Ferne-Extreme Reize)
einstellt (vergl. ebenda S665 f).
Auch für Piaget sind Handlung und Wahrnehmung stets verknüpft.
Innerlich simulierte Handlung nennt er Operation. Dazu werden Konstruktionen
benutzt, die durch Wahrnehmung als Reaktion auf Handlung generiert und
selbstregulativ weiterentwickelt werden (Piaget 2003, S.44ff). Auch
wahrnehmungspsychologische Grundfunktionen wie die Permanenzfunktion sind durch
Handlung und Wahrnehmung konstruktiv erworben. Internalisierung von Umwelt
erfolgt durch Assimilation, d.h. Integration externer Elemente in die Struktur
der Wahrnehmung bzw. deren Bestätigung. Durch Akkomodation wird die Integration
sonst nicht passender Elemente möglich gemacht. Der Prozeß, der zum
Gleichgewicht von Assimilation und Akkomodation führt, ist die kognitive
Adaption (ebenda S.56). Von operativen Tätigkeiten, die zur Transformation von
Wirklichkeit führen, unterscheidet Piaget figurative Tätigkeiten, die reinen
Abbildungscharakter haben (ebenda S. 85).
Als grundlegenden Faktor für die Entwicklung von Strukturen
führt Piaget den Begriff “Aquilibration” ein, der für eine Folge von
Selbstregulationen steht, die in operatorischer Reversibilität münden (ebenda
S. 111). Zur Bescheibung von Phasen, die stabile Entwicklungsstadien verbinden,
verwendet Piaget den Begriff der “Kreode”, einer Bahn in einem System von
Fließgleichgewichten, als Beschreibung von stabilen Zuständen in “einer Art
evolutionärer Regulation” (ebenda S.64).
Alfred Schütz unterscheidet in der Analyse Parsons deutlich
zwischen “um-zu- Motiven” und “weil-Motiven” (vergl. Schütz 1977, S.48 ff).
Nach Parson ist das letzte Element, in das ein Handlungssystem zerlegt werden
kann, die Akteinheit, bestehend aus dem Handelnden, einem Zweck, einer Situation
und normativen Wertorientierungen zwischen den genannten Elementen (vergl.
ebenda S. 53).
Die Psychologie Jungs modelliert eine Topographie des Verhältnisses von Bewusstsein und Unbewustem, was in dieser Arbeit aber keine Rolle spielen soll. Als Beweger des Systems der Psyche postuliert er nach Freud eine psychische Energie, die Libido genannt wird. Aktualisiert erscheint sie als Bewegung oder Kraft wie z.B. als Trieb, Wunsch, Wollen oder Affekt. Potentiell erscheint sie als Bereitschaft, Einstellung oder Möglichkeit (vergleiche Jakobi 2006, S.57). Die Psyche ist nach Jung ein System mit Selbstregulierung. Die Menge ihrer Energie ist konstant, aber variabel verteilt. Jung vergleicht den Energieerhaltungssatz mit der Seele, als sich selbst Bewegende (vergl. ebenda S.59). Von Gegensätzen getrieben, kann sich die psychische Energie verlagern oder verwandelt (sublimiert) werden. Sie kann nach aussen (progressiv) oder nach innen (regressiv) gerichtet sein (vergl. ebenda S.61f).
Nach Parson kann man Handlung in die Elemente „Akteur”, “Ziel/Zweck“,
„Situation“, „Normen“ und „Werte“ zerlegen. Jedes
existierende oder denkbare System muß vier Funktionen erfüllen, um seine Existenz
erhalten zu können:
- Adaptation (Anpassung):
die Fähigkeit eines Systems, auf die sich verändernden äußeren Bedingungen zu
reagieren, sich anzupassen.
- Goal Attainment (Zielverfolgung)
die Fähigkeit eines Systems, Ziele zu definieren und zu verfolgen.
- Integration (Eingliederung)
die Fähigkeit eines Systems, Kohäsion
(Zusammenhalt) und Inklusion (Einschluss) herzustellen und abzusichern.
- Latency bzw. Latent Pattern Maintenance (Aufrechterhaltung)
die Fähigkeit eines Systems, grundlegende Strukturen
und Wertmuster
aufrechtzuerhalten.
Um die vier Funktionen wahrnehmen zu können, bildet ein
System spezifische Subsysteme aus, die die jeweilige Aufgabe erfüllen:
- Das Verhaltenssystem (Adaptation), es basiert auf Bedürfnissen.
- Das Persönliche System (Goal attainment), es basiert auf Motiven.
- Das Soziale System (Integration) es basiert auf Normen.
- Das Kulturelle System (Latency), es basiert auf Werten (vergl. Agil-Schema
in Wikipedia 2007).

Abb.6: Parsons Handlungsmodell (Wikipedia 2007)
In der Zusammenschau der dargestellten Handlungsmodelle und
Handlungs- und Wahrnehmungskomponenten lassen sich folgende Schwerpunkte und
Konsequenzen erkennen:
-
Handlung und Wahrnehmung sind funktionell
bidirektional verknüpft
-
Handlung sowie Wahrnehmung lassen sich jeweils
als Phasen eines Prozesses beschreiben
-
Funktionelle und strukturelle Elemente
interagieren bei Handlung wie bei der Wahrnehmung
-
Das Subjekt als Träger von Handlung und
Wahrnehmung ist strukturell und energetisch als offenes wie als geschlossenes
System zu beschreiben und hat selbstregulierende Eigenschaften
-
Die Umgebung des handelnden Subjekt läßt sich
durch die Vektoren “Innen” und “Außen” definieren.
-
Die Kategorie “Energie “ kann zur Beschreibung von
Wirksamkeit im Sinne von Veränderung und Aktivität verwendet werden
Durch die Annahme der Relevanz struktureller und damit potentiell veränderbarer Elemente sowie energetischer Ressourcen im Handlungs- und Wahrnehmungsprozeß wirkt die Aktivität des Subjekts nach außen und nach innen strukturell verändernd sowie zwischen innen und außen energetisch ausgleichend.
Das handelnde Subjekt kann bei diesen Prozessen als mit der
Struktur und Energiefigur der Handlung/Wahrnehmung vollständig identifiziert definiert
werden. Gleichzeitig kann es als unabhängig von Energie und Struktur gedacht
werden. In beiden Fällen ist das Subjekt für den Handlungs- und Wahrnehmungskomplex
nicht mehr essentiell. Seine Art der Verbindung zu Handlung oder Wahrnehmung kann
als graduelle und topologische Identifikation mit den Phasen und Elementen von
Handlung und Wahrnehmung erklärt werden.
Neben den adaptiven Funktionen von Handlung und Wahrnehmung führen “binnen-evolutionäre” Prozesse zur Veränderung der Handlungs- und Wahrnehmungskompetenz in Richtung einer zunehmenden Selbstbewahrungskompetenz der inneren Struktur. Das nach dem vorigen Absatz mehr oder weniger identifizierte Subjekt kann sich aber auch von dieser Dynamik emanzipieren und sich mit transpersonellen Bedeutungen identifizieren. Damit wird die Bewahrung der Identität über die Zerstörung der menschlichen Struktur möglich. Der vollständige Verlust der Identifikation des Subjekts mit seiner trans-personellen Bedeutung wird als Inkarnation bezeichnet und ist Gegenstand religiöser Systeme. Die Identifikation des Subjekts mit extra-personellen Identitäten (Liebe) oder intrapersonellen Funktionen (Rollen) ist Gegenstand psychologischer und sozialer Theorien.
Die folgenden Betrachtungen erfolgen als Projektion der in Punkt 3 zusammengefassten Kriterien und verwenden vorzugsweise selbsterklärende Begriffe. Als zusammenfassende Idee einer möglichst kompakten, auch für Praktiker leicht verständlichen Systemumgebung des Handlungsmodells wird hiermit das Erklärungsmuster: “Spieler und Spiel sind eins” zugrunde gelegt.
Die ausdifferenzierte Welt der Erscheinungen entsteht danach durch die Binnendifferenzierung eines Subjekts, das in geteilter Eigenschaft die strukturelle und energetische Substanz seiner inneren Welt selbst ist und ungeteilter Eigenschaft seine eigenen Strukturen bewohnen kann (Inkarnation).
Die Entfaltung neuer Seins-Ebenen (Sub-Welten) erfolgt über eine zweifache dialektische Triade von These-Antithese-Synthese.
Als primär wird dessen Anwendung in Form von:
Subjekt (1) – Objekt (2) -Gesetz (3)
postuliert. Die sekundäre Phase erscheint in Form der Triade:
Energie (4) -Figur (5) -Form (6)
Jede Figur ist danach eine offene Energiebahn. Jede Form ist eine, mindestens in einer Dimension geschlossene, Energiebahn. Energie, Figur und Form erscheinen als sekundäre Binnendifferenzierung des Subjekts via Objekt- und Regelkategorie.
Substanzformen der sekundären Triade sind im Gegensatz zu
Substanzformen der primären Triade quantifizierbar und haben dadurch den
Charakter von Ressourcen. Die Formenbildung ist damit als systematischer
Differenzierungsprozeß des Subjekts beschrieben. Der Re-Integrationsprozeß des
Subjekts erfolgt in umgekehrter Richtung.
Spielzweck des Systems ist die Erzeugung möglichst
vielfältiger Formen.
Spielzweck des Spielers als Subsystem oder Form ist die strukturelle Selbstbewahrung. Das Spiel in seiner Entfaltung erscheint uns auf kosmologischer Ebene als Evolution physikalischer, biologischer und psychosozialer Subsysteme. Die aus den Theoriesystemen als relevant erachteten Kategorien: „Ressource“, „Kommunikation“ und „Organisation“ werden wie folgt in das System transformiert:
- Ressource: Substanzformen der sekundären Triade (quantifizierbar)
- Organisation: durch Interaktion in der sekundären Triade verbundene Formen
- Kommunikation: Interaktion in der primären Triade (nicht quantifizierbar)
Zwischen Organisationen sind demnach zwei Formen von Interaktionsprozessen möglich:
1. Ressourcielle Interaktion: Der Austausch von Ressourcen als quantifizierbare Substanzform (Interaktion der sekundären Triade)
2. Symbolische Interaktion: der Austausch von Zeichen als symbolische Strukturen in nicht quantifizierbare Substanzform (Interaktion der primären Triade)
Stoffwechsel und Warenaustausch sind damit als ressourcielle Interaktion definiert. Kommunikation wäre in diesem System ein Synonym für symbolische Interaktion. Das gegenseitige Verstehen von Zeichen beim Kommunikationsakt ist möglich, wo die Kommunikationspartner sich auf gemeinsame Gesetze (3) der primären Triade gründen und auf diese kommunikativ durch Symbole verweisen.
Beispiel: Ein Subjekt (1) in Form einer Gruppe von Kindern langweilt sich. Es kommt zu Übermut, Streit und Gruppenteilung. Das Subjekt wird sich damit selbst zum Objekt (2). Um den Streit zu schlichten, entschließt sich die Gruppe nach längerer Diskussion, Fußball zu spielen. Mit Annahme der Regeln unterwirft sich das Subjekt dem Gesetz (3) und realisiert sich in der Subwelt des Fußballspiels. Die Energie (4) der Ball-Tor Spannung und wird von den Spielern in die Figuren (5) der Spielzüge, in eine arbeitsteilige Form (6) des Mannschaftsaufbaus (Angriff, Verteidigung, Torwart) verwandelt manifestiert sich schließlich im Spielergebnis. Ist eine Mannschaft zu überlegen und das Spiel dadurch disharmonisch, könnten die Regeln geändert werden um z.B. die überlegene Mannschaft in Unterzahl spielen zu lassen (Regelevolution). Erfolgreiche Spielzüge werden wiederholt und können modifiziert werden (Formevolution). Die Gruppe als Subjekt bleibt im Spiel als solche bestehen. Das Spiel wird zu einem Existenzmodus der Gruppe. Das Gruppen-Subjekt kann sich mit sich selbst als ungeteilt und gleichzeitig mit jeder der 6 Phasen identifizieren. Wer will, kann sich zu der Szene auch einen Schiedsrichter als Repräsentation des ungeteilten Subjekts hinzudenken, der die Aufgabe des Richtens auf Basis unparteiischer Wahrnehmung wahrnimmt. Die Ressourcen des Spiels (2.Triade) sind durch Regeln definiert und Gegenstand des Spielabsichten. Die Kommunikation im Spiel erfolgt als Verweis auf die gemeinsam anerkannte Spielregel der ersten Triade und auf die grundlegende Objektbildung durch Teilung in zwei Mannschaften.
Die überraschende Erfahrung der Abduktion, die im Kapitel 2.3 angekündigt wurde besteht darin, daß es tatsächlich gelingen kann, auf der Grundlage dieses Systementwurfs eine Zusammenführung wesentlicher Merkmale von Handlung und Wahrnehmung in einem einheitlichen Modell zu erreichen. Dies ist möglich, indem angenommen wird, die Prinzipien des Systementwurfs nach Punkt 4.1 seien auf alle Ebenen der Welt anwendbar:
Auf die kosmologische Ebene angewandt entspräche die primäre Triade der Evolution von Naturgesetzen, die zweite Triade der Herausbildung stabiler kosmischer Strukturen, basierend auf Energie und deren Bahn.
Mikrokosmisch könnte die Anregung einer Energiebahn eines Elektrons (1) zu einem separaten freien Teilchen (2) führen. Das Gesetz (3) beschreibt die Grenzparameter, die das System aufrechterhalten. Auf Basis der Grenzparameter wird die Energie (4) nach außen als Bindungsenergie (Valenz) wirksam, bis sich eine neue stabile Bahn für das Teilchen realisiert (5), die zu einer neuen Form (6) führt.
Im Bereich der Biochemie entstehen nach diesem Schema Moleküle und Zellen differenzieren zu immer komplexeren Organisationen aus.
In einem sozialen Kontext der Bildung von Organisationen wäre das Subjekt der Handlungsakt eines Menschen(1) der sozial zu bewertete Fakten schafft. Ein Steinzeit-Jäger z.B. schafft es nicht, zwei getötete Antilopen nach Hause zu schaffen und legt ein Tier vor dem Lager des Nachbar-Stammes ab, der am Wege liegt. Die Nachbarn können die Antilope nun ignorieren oder es als Geschenk (2) akzeptieren. Habe sie es akzeptiert, tut sich ein Feld von Möglichkeiten (3) auf, vom Essen über Zurückbringen bis zu Gegengeschenken. Die Entscheidung (4) für eine Option selektiert den Verständnisrahmen für die nun folgenden Handlungen und erzeugt sozial wirksame Energie. Das Gegengeschenk muß ausgewählt und die Übergabe geplant werden (5). Mit dem Abmarsch der Männer (oder Jungfrauen) wird eine soziale Institution von Handelsbeziehungen (6) begründet.
Die doppelte Triade kann so als universelles Erklärungsmuster benutzt werden, um auf einfache Weise das Entstehen von Formen aus Impulsen zu illustrieren.
Voraussetzung einer solchen Entwicklung ist ein Energieüberschuß, der auf einer offenen Energiebahn durch das agierende System hindurch außerhalb des Systems wirksam wird und gleichzeitig durch teilweises Rückführen von Energie Bahnen, Strukturen, Entropiereduktion und Organisation schafft, die ihrerseits Energielenkend wirken. Evolution auf physikalischer, biologischer und sozialer Ebene wird so erklärbar.
Um als Basis eines Modells menschlicher Handlung und Wahrnehmung zu fungieren, wird als Entstehungspunkt bzw. Wurzelpunkt des Modells die freie Energie des menschlichen Biosystems definiert. Der Eintritt dieser Energie in das Modell sei der Initialakt der Handlung (1). Der Austrittspunkt der Energie sei ein Einzelakt, der auf die Umgebung des Menschen wirken kann oder vollständig selbstbezüglich (wie das Rauchen im Freien) sein kann. Die „Tätigkeit“ als Folge von Einzelakten soll nicht explizit betrachtet werden. Auch die Rolle der Identifikation des ungeteilten Subjekts auf die Handlung oder Wahrnehmung wird von der Betrachtung ausgenommen. Der Handlungsprozeß wandelt phasenweise den Impuls der biologisch bereitgestellten Energie in Handlungsenergie um, wobei die 6 Stufen der Entfaltung entsprechend der beiden Triaden der Systemumgebung zu Grunde gelegt werden. Der so entstehende Handlungspfad des Modells entlang der Entfaltungsphasen des Subjekts im System (Phasen 1-6) wird durch einen Wahrnehmungspfad in Richtung des Re-Integrationsphasen des Systems (Phasen 7-12) ergänzt, der der zur Energierückführung bei abgebrochenen Handlungen sowie zur Aufnahme von symbolischen Strukturen aus der Umgebung dient. Ein Handlungs- und Wahrnehmungsakt besteht damit im Sinne der Systemumgebung aus einer offenen, halboffenen oder geschlossenen Energieschleife.
Die Pfade der Energieaufnahme aus der Umgebung und die potentielle Wahrnehmbarkeit auch des nicht Handelnden werden hier aus Vereinfachungsgründen nicht beschrieben, obwohl diese Pfade die Energie- und Kommunikationsschleifen erst vollständig schließen.
Die im Modell beschriebenen Handlungs- und Wahrnehmungsfunktionen erfüllen den Zweck, die Tätigkeit des biologischen Gesamtsystems adäquat zur Umgebung zu gestalten und das Ziel der Selbstbewahrung des Gesamtsystems zu sichern. Die damit verbundenen Denkprozesse – und damit das energieaufwendige Denken selbst – ist im biologischen System Mittel zum Zweck effizienten Handelns. Sie stellen einen von vielen möglichen Identifikationsorten des menschlichen Bewusstseins dar.
Die Architektur des Modells von Handlung und Wahrnehmung wird in Konkretisierung der oben aufgeführten Systemeigenschaften als Phasenmodell von sechs Handlungsphasen und sechs Wahrnehmungsphasen konstruiert, zwischen denen auf jeder Ebene sechs Instanzen vermitteln. (Die Instanzen selbst könnten ebenfalls als 12-gliedriger Handlungs- und Wahrnehmungszyklus beschrieben und weiter gegliedert werden, was im Rahmen dieser Modellbeschreibung jedoch nicht erfolgt.)
- Die Instanzen prozessieren als Subsysteme Energie von der Handlungsseite auf die Wahrnehmungsseite und Struktur in der Gegenrichtung.
- Das Modell wird von einer biologischen Systemebene (Innen-Orientierung) getragen und von einer Umwelt (Außen-Orientierung) umgeben.
- Die sechs Ebenen der Entfaltung nach 4.1 vermitteln als vertikales Ordnungs-Schema die Orientierung „Innen“ und „Außen“.
- Die innere Triade bezieht sich auf die zu bewahrende biologische Identität. Sie steuert die Motivation der Handlung und bezieht Wahrnehmung auf das Subjekt. - - Die äußere Triade bezieht sich auf die Umgebung. Sie steuert die Volition der Handlung auf Basis umgebungsbezogener Wahrnehmung.
- In Konkretisierung des Systems werden die System-Ebenen mit strukturellen Instanzen besetzt, die jeweils spezifische Funktionen im Handlungsprozess und im Wahrnehmungsprozess durchführen. Jeder Instanz ist dabei eine Handlungsphase und der gegenüberliegende Wahrnehmungsphase zugeordnet. Die Instanzen untereinander kommunizieren über Entsprechungen gemäß dem kongruenten Kommunikationsmodus nach Punkt 5.2.
- Handlung wird von den Instanzen in der inneren Triade als phasenweise Selektion von Bedürfnissen, in der äußeren Triade als Selektion von Absichten prozessiert. In der Handlung objektiviert sich der biologische Impuls durch Ausrichtung und Strukturierung von energetischem Potential.
- Wahrnehmung wird von den drei äußeren Instanzen phasenweise als Selektion von Sinn, von den inneren Instanzen als Selektion von Relevanz prozessiert. Struktur wird dabei selektiert und symbolisch verdichtet, bis sich im Kontakt mit dem biologischen System die Entscheidung in Richtung mehr oder weniger Impulsfreigabe ableiten läßt.
- Die Handlungsenergie entstammt dem bio-physiologischem System und ist mehr oder weniger von Bedürfnisqualität gefärbt. Dem Bedürfnis der Handlungsseite entspricht eine Erwartung auf der Wahrnehmungsseite.
- Der Handlungsakt zielt auf die mehr oder weniger vollständige Veräußerung der Handlungsenergie. Handlungshemmung durch die Instanzen zielt auf die Re-Integration durch Rückführung der Energie in das biologische System durch den Wahrnehmungspfad
- Von Wahrnehmungsphasen prozessierte Struktur kann bei Bedarf durch den Wahrnehmungspfad der jeweiligen Instanz hindurch direkt die gegenüberliegende Handlungsphase beeinflussen.

Abb. 7: Phasenmodell von Handlung und Wahrnehmung
In Anwendung o.g. Modellmerkmale lassen sich Energieflüsse im Modell als vollständig offen, vollständig geschlossen und durch Instanzenvermittlung teilweise geschlossen beschreiben. Das Modell strebt aus Gründen der Selbstbewahrung einen Zustand an, indem die Energiebilanz zwischen Eintrag und Austrag ausgeglichen ist und in dem innerhalb der Instanzen und zwischen den Instanzen in ihrer hierarchischen Beziehung Widerspruchsfreiheit herrscht.
Eine gewohnheitsgemäße Handlung wird von Energie angeregt, die der biologischen Ebene entstammt und mehr oder weniger intentional gefärbt ist. In den Phasen 1-6 prozessieren die Instanzen diese Energie entsprechend ihrer Funktionalität so, daß alle Instanzen die Energie vollständig zu Ihrem Wurzelpunkt im Handlungspfad zurück und damit zur nächsten Handlungsphase führen. Der eigentliche Handlungsakt erfolgt durch vollständigen Energieaustritt in die Umgebung in Phase 6.
Eine erwartungsgemäße Wahrnehmung nimmt in Phase 7 sensorische Reize aus der Umgebung auf und prozessiert diese über die Instanzen als Sinn- und Relevanzselektion bis zur Phase 12, wo bei Erfordernis Energiebereitstellung aus der biologischen Ebene generiert wird. Es erfolgt keine Beeinflussung der Energie des Handlungspfades.
Bei einer nicht gewohnheitsgemäßen Handlung wird der Energieimpuls in einer der Handlungsphasen von der betreffenden Instanz aufgenommen. Die Energie wird von der Handlungsschleife der Instanz verarbeitet, wobei wenigstens ein Teil der Energie durch den Handlungspol der Instanz in den Wahrnehmungspfad zurückgeleitet wird. Im Energierückleitungspfad werden die betreffende Wahrnehmungsphasen durchlaufen, was zur Erregung einer Erwartungsänderung führt.
Bei einer nicht erwartungsgemäßen Wahrnehmung kommt es in der betreffenden Instanz zur Beeinflussung der Absichts-Selektion der entsprechenden Handlungsphase (Such-Orientierung).
Beschreibung der
Instanzen:
Strukturell verbinden die Instanzen die Handlungs- und Wahrnehmungsphasen einer System-Ebene miteinander. Funktionelle Aufgabe der sechs Instanzen sind die Abbildung der Umwelt des Handelnden, die Simulation von Handlungsoptionen, die Bewahrung von Regeln und die Evaluation von Szenarien, Regeln oder Bedeutungen. Im Sinne einer quantitativen Energieregelung übernehmen die Instanzen die Aufgaben der Sollwertermittlung und des Regelungsgliedes. Die Instanzen sind aufeinander so bezogen, daß sie in Richtung von innen nach außen stufenweise Bedürfnisse (1)-(3) und Absichten (4)-(6) prozessieren. Von außen nach innen prozessieren sie Sinn (7)-(9) und Relevanz (10)-(12). Jede Instanz selektiert und verdichtet dabei die Ergebnisse ihres Vorgängers. Die drei inneren Instanzen beziehen Bedürfnisse und Relevanz auf das Subjekt, die drei äußeren Instanzen Sinn und Absicht auf die Umgebung. Die strukturellen Selbstbewahrungskompetenzen der Instanzen sind hierarchisch zu den Polen hin gestaffelt. D.h. wenn zur Konfliktlösung eine Distanz ihre Struktur ändern will, muß dies in Übereinstimmung mit der nächsten in Richtung des nächsten Pols liegenden Nachbar-Instanz erfolgen. Zu der durch die Instanzen simulierten Umgebung gehören auch das Selbstbild und die soziale Umgebung des Menschen. Andere Menschen und soziale Normen werden wie soziale „Landschaftsmerkmale“ über alle Instanzen simuliert und erhalten ihre große Bedeutung und ihren hohen Wert durch ihre unvergleichliche Relevanz für beide Schlüsselressourcen: „Autonomie“ und „Sicherheit“. Normen sind primär mit der Wissensinstanz verbunden und erhalten ihren „Wert“ über die „Bedeutung“.
Fakten
Diese Instanz ist Träger der Wahrnehmung von Signalen wie sie von den Sinnesorganen aufgenommen werden und Träger der Handlung als Realisierung von Absicht des handelnden Subjekts. Die Wirkung der Handlung ist davon zu unterscheiden und ist der Umgebung zugehörig. Die Fakten-Instanz ist der einzige Ort des irreversiblen Energieübergangs, also der Ort, an dem der Handlungsakt stattfindet und an dem eine Berührung zur Umgebung des Handelnden besteht (WO?).
Botschaft
Die Instanz der Botschaft entspricht der Information auf der Wahrnehmungsseite und der absichtsvoll auf ein konkretes Handlungsergebnis orientierte Aktivität auf der Handlungsseite. Information ist dabei nach der Definition des Wissensmanagement zu verstehen, wonach Daten für einen Zweck in einen Zusammenhang gestellt und dadurch mit Sinn versehen werden (vergl. Kreidenweis/Steincke 2006). Sie sind in unserem Sinne handlungsleitend, als daß sie für die planvolle Ausrichtung der Aktivität genutzt werden (WIE?)
Wissen
Wissen im Sinne dieses Modells soll als handlungsleitende Verknüpfung von Informationen mit dem Ziel der Fällung einer Entscheidung verstanden werden. Wissen selektiert Informationen und führt eine zielgerichtete Simulation von Szenarien der Umgebung durch (WAS?).
Bedeutung
Diese Instanz vermittelt dem Wissen Sinn, indem es nicht nur auf die Zielerreichung außerhalb des Subjektes bezogen ist, sondern die Verfassung zu bewahrender interner Strukturen berücksichtigt. Sie simuliert Szenarien, die in ihrer Rückwirkung auf den Handelnden betrachtet werden (WARUM?).
Werte
Die Werteinstanz ermöglicht die Herstellung und Veränderung von Bedeutung durch Anwendung und Vergleich von Wertesystemen. Sie polarisiert auf der Seite der Wahrnehmung wie auf der Seite der Handlung zwischen „höheren“ und „niedrigen“ Werten bis zum Basiskonflikt, der Polarität zwischen Sicherheit und Autonomie. Der soziale Aspekt wird durch die Schlüsselfrage (WEM?) gekennzeichnet.
Würde
Diese Instanz ist der Ort des Handlungsursprungs durch Energieeintritt in das Modell aus dem biologischen System und damit das primäre Energieregelglied. Sie kann in Abhängigkeit von der Bewertung des Wahrnehmungsergebnisses auch Energie aus dem biologischen System forcieren oder bei Handlungsabbruch in das biologische System zurückspeisen. Die Selbstbewahrungstendenz dieser Instanz repräsentiert den Inkarnationsort des handelnden und wahrnehmenden Subjekts (WER?).
Bei erfolgreich sozialisierten Menschen ist die Würdeinstanz durch die Internalisierung der signifikanten Anderen vorgeprägt. Religiöse und religionsähnliche Inhalte mit starker Relevanz für die Selbstbewahrung wie z.B. moderne Glücksdefinitionen können diese Prägung ersetzen. Das Gottesbild der Würdeinstanz ist Gegenstand institutioneller Religion, während die Mystik die Identifikation mit dem ungeteilten oder inkarnierten Subjekt sucht (vergl. Kap. 4.1).
Beschreibung der Phasen:
Die Phasen des Modells werden typischerweise sequentiell durchlaufen, wobei es durch Rückführung von Energie oder Strukturen zur Bildung von Schleifen kommt. Die Impulsenergie der Handlungsseite entspricht durch die Vermittlung der Instanz einer Erwartungsspannung auf der Wahrnehmungsseite. Strukturell entspricht das Prozessieren der Impulsenergie auf eine bestimmte Weise der entsprechenden Färbung der Erwartung der über die jeweilige Instanz quer verbundenen Wahrnehmungsphase.
Erregen (1)
In dieser Phase wird Energie im Modell als Impuls wirksam. Sie stammt entweder aus dem biologischen System oder wurde bei Handlungsabbruch einer späteren Phase zurückgeführt. Der Impuls kann mehr oder weniger intentional gerichtet sein, Mangel- oder Überschußlagen des biologischen Systems repräsentieren oder durch eine Außen-Wahrnehmung via Würde-Instanz forciert worden sein.
Starke Impulse wie Schmerzreaktionen führen direkt zu einem reflexartigen Handlungsakt ohne Prozessierung durch die Handlungsphasen.
Der Würde des Subjets extrem entgegenstehende Impulse oder Impulse mit minimaler Realisierbarkeitserwartung werden über die Würdeinstanz in das biologische System zurückgeführt. Übermäßige Blockaden, wie z.B. durch sexuellen Mißbrauch verursacht, führen zu viel Energie zurück und stören nicht nur das Handlungssystem sondern können zur Krankheit des biologischen Metasystems führen. Durch Energieüberschuß aus dem biologischen System vollständig ungerichtete Energie wird durch die Instanzen spontan angeregt.
Diese Phase wird als Einheit mit sich selbst erlebt.
Abwägen (2)
Gelangt der Handlungsimpuls in Handlungsphase (2) wird er durch die Werteinstanz geprüft und möglichst auf den Grundkonflikt zwischen Autonomie und Sicherheit zurückgeführt. Sämtliche Argumente für und gegen Autonomie und Sicherheit werden qualitativ und quantitativ einander gegenübergestellt. Bei einem typischen Triebverzichts-Konflikt zielt der Impuls auf Autonomie während der Verzicht mehr Sicherheit durch Einhaltung sozialer Regeln bedeutet. Bei einem Angst- oder Trägheitskonflikt zielt der Impuls auf die Realisierung von Sicherheit während soziale Regeln zur Selbstüberwindung auffordern. Bei großer Diskrepanz der Intention des Impulses zum Wertesystem wird die Handlung von der Werte-Instanz hier abgebrochen und die Impulsenergie zurückgeführt. Setzt sich der Impuls gegen das Wertesystem durch, wird das Gleichgewicht der Werte-Instanz gestört und die Erwartung der Wahrnehmung wird auf die nun anzunehmenden Risiken ausgerichtet. Die Phase (2) wird als moralischer Konflikt erlebt.
Spannen (3)
Hat der Impuls die Werteinstanz passiert, bringt er die dort erfolgte polare Aufladung in die Phase 3 ein. Die polaren Fronten spannen nun ein Lösungsfeld auf, in dem man sich die bisher gegenüberliegenden Fronten in einer 90° Zuordnung vorstellen kann. Alle Möglichkeiten der Impulsbehandlung werden fiktiv zugelassen. Es sind dies insbesondere die aus Freuds Trieblehre bekannten Lösungen: vollständige Zurückführung der Impulsenergie, vollständiges Passieren der Impulsenergie, teilweises Zurückführen der Impulsenergie, Umlenken der Impulsenergie, Umkehrung der Impulsenergie (z.B. Tollkühnheit aus Angst), Sublimierung der Impulsenergie usw. Die Bedeutung von Nutzen und Risiken der unterschiedlichen Optionen wird gegeneinander hinsichtlich der Relevanz für das Wertesystem abgewogen. Der Realisierungsaufwand und die Handlungskonsequenzen werden eingeschätzt. In dieser Phase entscheidet sich, inwieweit der Klient seine Bedürfnisse durchsetzen kann oder inwieweit er Anpassungsleistungen erbringen muß. Der Mensch erlebt diese Phase als Entscheidungsdruck bzw. moralische Arbeit.
Entscheiden (4)
In Phase 4 schlägt die Bedürfnisorientierung zu einer Absichtsorientierung um. Die Wissens-Instanz entscheidet die optimale Lösung aus der Vielzahl der in Phase (3) erzeugten Lösungsoptionen – oft durch kleine Anregungen von außen ausgelöst. Die im Lösungsfeld auf alle Optionen verteilte Impuls-Energie richtet sich nach außen und konzentriert sich nun schlagartig auf die Bekräftigung der gewählten Option, wobei Aspekte verworfener Optionen integriert werden können. Dies wird als befreiende Entscheidung erlebt. Die Wahl der Abbruch-Option führt die Energie zur Würde-Instanz zurück, wo sie biologisch integriert wird, oder als Impuls wirksam bleibt.
Planen (5)
In Phase (5) wird das Handlungsziel konkret definiert. Die Energie fließt als Figur durch fiktiven Szenarien, in denen durch Simulation der Handlungsumgebung rückwärts vom Ziel aus realistische Lösungsstrategien entworfen werden. Diese Phase wird euphorisch erlebt, da der Erfolg vorausgesetzt werden muß und damit teilweise vorweg genommen wird.
Agieren (6)
In dieser Phase wird die Handlungsenergie den spezifischen handelnden Aktoren zugeordnet bzw. konkrete Handlungsressourcen werden bereitgestellt. Der Akt der Handlung wird durch Vermittlung der Fakteninstanz ausgeführt. Ein Teil der Energie verlässt das Handlungssystem über die Aktoren wie z.B. Muskelnerven und bewirkt ein Ergebnis in der Umgebung. Kann das Agieren gemäß der in Phase (5) geplanten Strategien erfolgen, ohne daß die Handlung durch Korrekturen über die Phasen (7), (8) oder gar (9) neu orientiert werden muß, wird das Agieren als Flow-Zustand erlebt.
Rezipieren (7)
Das Handlungsergebnis oder Umweltreize werden von den Sinnen aufgenommen und über den Wahrnehmungspfad phasenweise zur Würdeinstanz prozessiert. Geschmacks- und Berührungsreize können reflexartig und ungefiltert zum Auflösen bzw. Aufbau von Spannung durch das biologische System führen, was als Lust bzw. Schmerz erlebt wird. Auch Drogen können die Spannung durch internen Energieausgleich auf biologischer Ebene direkt auflösen. Spannungsauflösung infolge eigenen Handelns bekräftigt die Lösungsstrategien der beteiligten Instanzen. War der Akt der Tat noch nicht erfolgreich, setzt eine Justierung des Agierens der Phase (6) durch die aufgenommenen Sinnesreize ein.
Dekodieren (8)
Bei indirekter Erfolgserkennung wird Phase 2 aktiv und ermittelt die Botschaft der sensorisch empfangenen Daten. Ein erkannter Erfolg bekräftigt die Lösungsstrategie der Phasen (5) und (6). Kann das Ergebnis der Handlung oder die aus der Umwelt aufgenommene Information nicht decodiert werden, wird die Planung (5) neu orientiert bzw. wird das Problem an die Wissensinstanz weitergegeben.
Erkennen (9)
Die decodierte Botschaft als Ergebnis der Handlung oder einer Wahrnehmung wird in den Kontext des Wissens gestellt (Aha !), noch ohne es auf sich zu beziehen. Bei festgestelltem Mißerfolg des Handels sind Entscheidungen zu revidieren und die Struktur der Wissensinstanz anzupassen.
Verstehen (10)
In Phase (10) wird die Bedeutung des Handlungsergebnisses in Bezug auf sich selbst festgestellt. Aus der Sinnorientierung wird eine Relevanzorientierung. War diese in Phase (3) richtig eingeschätzt worden, wird dies bekräftigt, anderenfalls muß die Bedeutungsinstanz modifiziert werden. Ist der Selbstbezug nicht eindeutig möglich, führt dies zur Anregung des Wertesystems in Phase (11).
Bewerten (11)
Es erfolgt ein Abgleich des Handlungsergebnisses mit dem zugrunde gelegten Wertesystem und mit der evtl. notwendigen Auslösung von entsprechenden Lernvorgängen für die Werteinstanz. Wertedilemmata werden an die Würde-Instanz vermittelt was zu einer Veränderung des Wertesystems und damit zu Prozessen der Moralentwicklung führen kann.
Akzeptieren (12)
Akzepiert die Würde-Instanz das bewertete Handlungsergebnis, wird die Forcierung des Handlungsimpulses aus dem biologischen System zurückgenommen. Die damit verbundene Entspannung wird als Freude erlebt. Kann das Ergebnis nicht akzeptiert werden, bleibt die Spannung des Handlungsimpulses bestehen und ein weiterer Handlungszyklus über die Phase 1 kann beginnen. Kann die Spannung dauerhaft nicht behoben werden, muß sich die Würdeinstanz neu formieren. Dies bedeutet immer eine Umdeutung von Sicherheit und Autonomiedefinition bzw. Änderung von Identifikationsmustern.
Die Würdeinstanz verbindet das Handlungs- und Wahrnehmungsmodell des Menschen mit seiner biologischen Grundlage. Ihre Aufgabe besteht darin, das Wahrnehmungsergebnis in bewerteter Form anzunehmen oder abzulehnen und entsprechend dieser Entscheidung biologische Energie in Phase (1) zu aktivieren oder zu deaktivieren. Kriterium der Entscheidung ist die erfolgreiche Selbst-bewahrung der Instanz als primärer Träger der „Spieleridentität“ bzw. des Selbst-Konzepts einer Person. Wenn das frühkindliche Grunderlebnis, die existentielle Abhängigkeit von und die daraus folgende Identifikation mit signifikanten Anderen, die Würdeinstanz grundlegend prägt, ist diese auch in späteren Entwicklungsphasen bereit, die Selbstbewahrung nicht ausschließlich auf die eigene biologische Grundlage, sondern auch auf etwas „größeres als sich selbst“ zu beziehen. Dieses höchste Ziel der Selbstbewahrung als unipolarer Kern der Persönlichkeit kann im Gegensatz zu den Werten der Werteinstanz entwickelt, aber nicht verworfen werden. Die Würdeinstanz besitzt im Kontext der zugrunde liegenden Systemidee den Subjektstatus und ist existentiell an die biologische Wirklichkeit gebunden.
Der gegenüberliegende Handlungspol des Modells, die Fakteninstanz, ist an die Wirklichkeit der Umgebung gebunden. Um zu überleben, muß die Würdeinstanz als primäre Instanz deshalb die zwischengeschalteten, simulierenden und prozessierenden Instanzen so orientieren, daß der Handlungsakt dem zu Grunde liegenden Selbstbewahrungsbedürfnis stets möglichst adäquat ist. Bei diesem Prozeß erwirbt das Instanzensystem eine sozio-kulturell definierte Identität mit eigenen Selbstbewahrungstendenzen auf allen Ebenen. Die erforderliche Widerspruchsfreiheit zwischen Fakten- und Würdeinstanz gewährleistet die Integrität des handelnden Organismus. Sie ist auch der Grund für die Integrität der einzelnen Instanzen, die selbst auch als Sub-Handlungs/Wahrnehmungszyklen aufgefasst werden können.
Das biologische System signalisiert seine Bedürfnisse durch die Bereitstellung von Energie, der Informationen über Mangellagen wie Hunger oder Kälte aufgeprägt sind. Bei biologischen Überschusslagen ist die bereitgestellte Energie zunächst nicht geprägt und kann von den Instanzen mit eigenen Inhalten versehen oder über Lustgewinn abgebaut werden. Äußere Reize mit Relevanz für die Selbstbewahrung lösen stets eine entsprechende inhaltliche Orientierung aus, deren Quantität vom Überschuß freier Energie und der Beurteilung des Reizes nach der Prozessierung durch die Instanzen abhängig ist. Einer energetischen ungerichteten Überschusslage im Handlungspfad entspricht eine ungerichtete Wahrnehmungsspannung, die als Langeweile erlebt wird.
Die Fakteninstanz verbindet das Handlungs- und Wahrnehmungsmodell mit seiner Umgebung. Durch Agieren werden Fakten in der Umgebung geschaffen. Diese können sozial relevant sein oder nicht. Die geschaffenen Fakten können vom Subsystem einer sozialen Organisation mit der Bedeutung eines sozialen Subjektes versehen und damit zum Baustein sozialer Institutionen werden. Im Wahrnehmungspfad werden Fakten sequentiell rezipiert und in die Simulation des aktuellen Umweltszenarios integriert. Die Selektion der integrierten Fakten wird von der Erwartungsspannung gelenkt. Im Wahrnehmungspfad können Fakten ebenso mit sozialer Bedeutung versehen werden, was im Instanzenzug geschieht. Eine besondere Art des Rezipierens ist die Selbstwahrnehmung. Einerseits nehmen wir Geschmack und Schmerz direkt und relativ ungefiltert wahr, was direkt zu
Energieaufbau oder Energieabbau führen kann. Andererseits erfahren wir unsere Handlungen und deren Ergebnisse als Objekt und prozessieren sie im Wahrnehmungspfad ähnlich wie fremde Fakten, wobei jede Instanz aus Gründen der Bewahrung der Widerspruchsfreiheit die Tendenz hat, die auf der Handlungsseite getroffene Selektion zu bestätigen.
Entsprechend der Modellarchitektur werden Handlung und Wahrnehmung als die Folge von Prozeß-Phasen aufgefasst, die zwischen der Ebene der biologisch generierten Bedürfnisse und der Umwelt des Menschen vermitteln. Die Grundfunktionen der Instanzen sind dabei die Abbildung, Speicherung und Simulation von Szenarien. Handlungsprozesse sind damit dem Bedürfnis und dem aussenwirksamen Akt der Handlung zwischengeschaltet und bewirken Handlungsaufschub, Generierung von zielgerichteter Absicht oder Handlungsabbruch. Wahrnehmungsprozesse bewirken Filterung und Bewertung von Sinneswahrnehmung.
In Auslegung des Modells werden im Folgenden beispielhaft Handlungs- und Wahrnehmungstypen beschrieben, wie sie typisch für Menschen nach Abschluß der primären Sozialisationsphase sind. Entwicklungsprozesse werden nicht betrachtet.
Im ersten Beispiel wird ein ressourcieller Mangelkonflikt in einer sozial dichten Umgebung mit Familien- und Sippenstruktur beschrieben. Der Einfachheit halber wird das Szenario nochmals in die Steinzeit verlegt, wie wir sie uns vorstellen:
Der Vater einer Steinzeitfamilie erwacht mit Hunger (1). Draußen fällt kalter Regen. Seine Frau und seine Kinder schlafen neben ihm. Die Vorräte der Familie liegen in Reichweite und reichen etwa noch für eine Mahlzeit. Seine Würdeinstanz nimmt den Impuls wahr. Die Option, die Hand auszustrecken und die Vorräte der Familie zu verbrauchen wird von der Würdeinstanz nicht angenommen, weil die Selbstbewahrungstendenz der Würdeinstanz die Autonomie des Nachwuchses höher als die eigene Triebbefriedigung bewertet und auch weitere Handlungsoptionen möglich sind. Es wird der Impuls zur Handlungsphase (2) durchgestellt. Hier wird der Hunger als Autonomietendenz gegen das embrionale, sichere Glück der Morgenschläfrigkeit abgewogen. Solange der Hunger klein und die Schläfrigkeit groß ist, wird die Impulsenergie über den Pfad (1-2-11-12) zurückgeführt. Das biologische System hat jedoch keinen Anlass, den Impuls abzuschalten und die Impulsenergie kreist auf dem beschriebenen Pfad. Der Hunger gewinnt nach einiger Zeit den Wertevergleich mit der Schläfrigkeit und regt die Handlungsphase (3) an, Handlungsoptionen zu vergleichen. Der Schläfrigkeit am nächsten steht die Möglichkeit, am Feuer der Sippe vom Vorabend nach etwas Essbaren zu suchen. Das würde bei Erfolg aber höchsten für ihn selbst, nicht für die Familie reichen. Er könnte Nachbarn wecken und eine Gruppenjagd initiieren, was großen Aufwand bedeutet und ein Teilen der Beute. Als Kompromiß könnte er allein auf die Jagd gehen. In Phase (4) entscheidet sich der Vater für die Jagd allein, weil das Verhältnis von Aufwand und Nutzen am besten ist. Nebenprodukt der Entscheidung aus den verworfenen Alternativen ist es, darauf zu achten daß die Nachbarn nicht geweckt werden und daß wirklich kein größeres Stück Fleisch gestern übrig geblieben ist. Der Vater plant die Jagd (5), sucht passende Blasrohre, Bögen und Pfeile für kleinere Beute aus und begibt sich auf den Weg in den Wald (6). Als er am Feuer der Sippe vorbeikommt, stellt er fest (7), daß doch ein ziemlich großes Stück Fleisch übrig geblieben ist. Es liegt naß, aber genießbar (8) in der Asche. Es würde für ihn und die Familie reichen (9). Die anderen Familien würden im Gegensatz zu seiner Familie aber nichts abbekommen, was gegen die Teilungsregeln der Sippe verstößt (10). Im Vergleich Autonomie gegen Sicherheit (11) wäre der Verlust des sozialen Status und damit der Sicherheit größer zu bewerten als die Autonomie durch Nahrungsbeschaffung. Die Werteinstanz vermittelt den Impuls konfliktfrei über (12), (1) und (2) zur Phase (3). Es werden keine weiteren Handlungsoptionen erkannt, die Entscheidung (4) für die Jagd und die Planung (5) wird bestätigt. Der Jagdausflug (6) wird fortgesetzt. Seine Augen im Wald sehen einen bewegten Schatten (7). Seine Bewegungen (6) werden durch die Sinneseindrücke (7) solange gelenkt, bis er sieht, daß es eine Schlange ist (8). Er erkennt (9) die Art als essbar und versteht, daß die Erbeutung sein Problem lösen kann (10), was er als wichtig und gut bewertet (11) und akzepziert (12). Damit stellt sein biologisches System weitere Energie zur Verfügung. Da es keinen Wertekonflikt gibt, werden die Phasen 1-3 problemlos durchlaufen und der Vater entscheidet sich (4) , daß Tier zu töten. Er plant den Einsatz der Waffen und die Distanz (5), seine Muskeln spannen sich (6) und er schießt. Die Schlange fällt vom Baum. Nach Durchlauf der Phasen 7-9 erkennt der Vater, dass er erfolgreich war, begreift, daß seine Familie für heute keine Probleme mehr hat (10), bewertet das als sehr gut (11), weil es Autonomie und Sicherheit gleichermaßen vermehrt und empfindet Freude in der Annahme des Handlungsergebnisses (12).
Im zweiten Beispiel wird ein typischer Überschusskonflikt im Kontext einer modernen Gesellschaft beschrieben:
Ein dreizehnjähriger Junge langweilt sich in einer Freistunde auf dem Schulhof. Er hat das Gefühl, er könnte platzen (Er weiß nicht, daß dies durch einen Überschuß an ungerichteter Energie verusacht wird). Er wünscht sich, irgendetwas würde passieren (damit er selbst aktiv werden kann). Es passiert aber nichts. Die überschüssige Energie regt die Instanzen von innen nach außen an, welche daraufhin beginnen Szenarien aus sich selbst zu entwickeln, um vorhandene Ungleichgewichte zu kompensieren. Die Phasennummerierung wird hier angewandt, obwohl es sich nicht um Handlungsphasen sondern um Instanzenanregung handelt:
Die Würdeinstanz (1) läßt ihn davon träumen, ein einmaliger Mensch zu sein, der es überhaupt wert ist, Selbstbewahrung zu betreiben. Bisher sind seine Instanzen durch Kopie der Instanzen anderer im Wahrnehmungspfad geprägt worden. Jede Externalisierung war nicht mehr als der Versuch von Nachahmung oder Anpassung. Es gibt zumindest auf der sozio-kulturellen Ebene noch nichts einmaliges zu bewahren. Auch die Werteinstanz (2) ist im Ungleichgewicht. Die Abhängigkeit von Familie und Gesellschaft ist groß und ein Ende ist nicht abzusehen. Die damit verbundene Sicherheit ist sehr groß, die Autonomie ist nahe null. Die Werteinstanz mischt also Phantasien bei, die von Autonomie handeln. Die Bedeutungsinstanz wiederum erkennt drastisch, daß die Gesellschaft tatsächlich für ihn von Bedeutung ist, nicht aber er selbst für die Gesellschaft. Also werden Situationen (3) ersonnen die auch dies umkehren. „Die Gesellschaft ist in Gefahr, er aber kann sie retten“. Die Wissensinstanz ist vollgestopft mit Erkenntnissen, die noch nie praktisch angewandt wurden. So werden Heldentaten (4) ersonnen, die auch dieses Gleichgewicht zumindest in der Phantasie wieder herstellen. Die nicht genutzte Planungskompetenz (5) kann dabei hilfreich die Bedürfnisse von außerirdischen erspüren und spektakuläre Rettungspläne schmieden, die für normale Erwachsene niemals möglich wären. Während die Phantasie beginnt, sich der Fähigkeit der übersinnlichen Wahrnehmung und magischen Fähigkeiten (6) zu nähern, tauchen plötzlich zwei Mitschüler auf dem Schulhof auf, die ihn mit der Aufforderung (7) zum gemeinsamen Rauchen in die Realität zurückholen.
Die Botschaft (8) ist schnell verstanden. Erfahrungen mit dem Rauchen hat unser Schüler schon. Er erkennt (9), daß er mit der Annahme des Angebots seinen Zustand für kurze Zeit angenehmer gestalten kann. Er versteht (10), daß er sich damit aber außerhalb der Regeln der Gesellschaft stellt und daß es Genuß bedeuten wird und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die die Gesellschaft mit allen Problemen für einige Augenblicke vollständig ersetzen wird. Seine Bewertung (11) der Situation kommt zu dem Schluß, daß das Risiko des Sicherheitsverlustes klein gegen den Autonomiegewinn ist und so akzeptiert (12) er zumindest das Angebot. Das führt nun zur Prägung der bis dahin ungerichteten überschüssigen Energie (1) mit der Absicht des Energieabbaus über Lustgewinn beim Rauchen. In der Abwägungsphase (2) werden nochmals für und wieder betrachtet. Auch gesundheitliche Risiken verringern die Sicherheit. In Phase (3) werden Optimierungsszenarien simuliert. Der beste Kompromiss wird in Phase (4) ausgewählt: „Es ist nur eine Zigarette, danach rauche ich nicht mehr – also keine relevante gesundheitliche Gefährdung. Wir rauchen im Verborgenen, um soziale Risiken zu minimieren“. In Phase (5) wird der Platz gewählt, evtl. die Schachtel Zigaretten beschafft. In Phase (6) wird geraucht. Die Handlung führt direkt zur Sinneswahrnehmung und zum Spannungsabbau, der als Lust erlebt wird. Die Instanzen speichern die gewählte Strategie als erfolgreich, um bei der nächsten Entscheidung mit noch weniger Simulationsaufwand das gleiche Ergebnis zu erreichen. Eine sozial und biologisch sinnvolle Verwendung freier ungerichteter Energie wäre natürlich über eine Einbeziehung des Jugendlichen in wert- und damit würdestiftende Tätigkeiten möglich. Die künstliche und kontraproduktive Trennung von Ausbildung und Arbeitswelt in modernen Gesellschaften verhindert dies jedoch auf Grund von Selbstbewahrungstendenzen der betreffenden sozialen Strukturen.
Das folgende Beispiel illustriert das Handlungsmodell am Beispiel einer
Aggression:
Der 17-jährige Skinhead steht in provozierender Kostümierung mit seiner Gruppe auf einem belebten Platz, als er die Blicke eines langhaarigen, aber gut gekleideten Jugendlichen auf sich gerichtet sieht (7). Durch die vorher getroffene Entscheidung der provokativ zur Schau getragenen Mitgliedschaft einer solchen Gruppierung ist die Erwartungsspannung seines Wahrnehmungspfades auf Reaktionen der sozialen Umgebung gerichtet. Der Blickkontakt wird daher als Reaktion der Gesellschaft auf die Provokation gedeutet (8). Der Skinhead erkennt (9), daß ein einzelnes Mitglied der Gesellschaft, auf ihn reagiert, der offensichtlich ein anderes Wertesystem repräsentiert. Er versteht (10) dies als Gegnerschaft, die öffentlich geworden ist, und die ihn als angeschauter vor der Gruppe, vor dem Gegner und vor der Öffentlichkeit exponiert. Er versteht auch, daß er reagieren muß und seine Reaktion sein Selbstbild und seinen zukünftigen Status in der Gruppe wesentlich beeinflussen wird. Seine Reaktion ist daher für sein Wertesystem sehr relevant (11). Die Gruppenstruktur vermittelt dem Skinhead beide relevanten Selbstbewahrungsressourcen: „Sicherheit“ und „Autonomie“ Das der Gruppe zugrunde liegende Wertesystem steht daher nicht zur Disposition. Es ermöglicht erst eine Würde-Definition, die er ohne dieses Wertesystem nicht stabilisieren könnte. Ein Angriff auf das Wertesystem kommt damit einer Würdeverletzung (12) gleich, die kompensiert werden muß.
Das erregte Würde-System aktiviert nun einen Handlungsimpuls (1), der sich als Verteidigung der Würde empfindet und diffus gegen den langhaarigen gerichtet ist. In Phase (2) wird der Impuls bezüglich seiner Relevanz für Sicherheit und Autonomie geprüft. Die Gruppe gibt temporär und evtl. sogar politisch-strukturelle Sicherheit. Die Autonomie wird durch ein Ausleben des Impulses vergrößert. Der Sicherheitsaspekt der Gesundheit des Gegners wird als gering eingestuft. Auch die Gefahr von Autonomieverlust durch Freiheitsentzug wird in der Gesamtbilanz, in der der zu erwartende Würdeverlust sehr schwer wiegt, überstimmt.
In Phase (3) wird der Impuls in Handlungsoptionen zerlegt, die abgewogen werden. Eine Tötung des Gegners oder eine Selbstverletzung sollte ausgeschlossen werden, der Akt muß dem Wertesystem entsprechend aber hart und erfolgreich ausgeführt werden können. Der Skinhead wurde bei bedeutenden Konflikten von seinem Vater geschlagen. Es selbst hat nicht zurückschlagen können. Die Bedeutungsinstanz ist daher im Ungleichgewicht und nutzt die Möglichkeit, dieses abzubauen durch den Vorschlag, zuzuschlagen. Der Skinhead entscheidet sich (4) für einen überraschenden und kurzen Faustschlag in das Gesicht des Opfers als optimalen Kompromiss. In Phase (5) plant er, zunächst wie unabsichtlich auf ihn zuzugehen um dann überraschend zuzuschlagen, die Vorstellung erregt und euphorisiert ihn. Er geht los (6), und führt die Tat aus. Die Analyse nach dem Handlungsmodell zeigt, daß das primäre Gut der Würde durch Werte ersetzt wurde und damit sehr verletzlich ist. Als Konsequenz wäre zu überlegen, wie es den betroffenen ermöglicht werden kann, Würde zu erwerben, die sich dann von Werten emanzipieren kann.
Ein weiteres Beispiel mit dem Schwerpunkt auf den Energie-Aspekt des Modells zeigt auf, wie die Gleichgewichtstendenz der Instanzen zu Wahn führen kann: Ein Ehemann hatte eine kurze Affäre mit einer anderen Frau. Er handelte dabei in Phase (2), die den Abbruch des Impulses hätte erzwingen müssen, entgegen seinen eigenen Wertevorstellungen. Die Beziehung zu seiner Ehefrau vermittelte ihm sehr hohen Autonomiezuwachs durch das Weiterleben seiner Gene in den gemeinsamen Kindern. Auch die Sicherheit gemeinsamen Eigentums und Lebensführung hätten gegen die Affäre gesprochen. Weil sich der Impuls, evtl. angeregt durch entsprechende äußere Reize gegen das Wertesystem durchsetzte, ist dieses im Ungleichgewicht und baut eine Erwartungsspannung auf, dass das Gleichgewicht wieder hergestellt werden könnte. Dies ist am einfachsten mit der Erwartung zu bewerkstelligen, dass er selbst Opfer eines Betrugs seiner Frau wird. Die Erwartung filtert neutrale Informationen im Wahrnehmungspfad nun so, daß die subjektiv empfundene Wahrscheinlichkeit dieses erwarteten Ereignisses zunimmt.
Die Selbstbewahrungstendenz der Würdeinstanz, die befürchten muß, daß der Mann in der Konsequenz seine Kraft in die Erhaltung fremder Gene investieren müsste, führt zur Freisetzung biologischer Energie und damit Auslösung eines Handlungsimpulses (1), der im Handlungspfad prozessiert wird. Dieser ist jedoch ohne konkreten Verdacht diffus und ungerichtet und regt ähnlich wie bei unserem pubertierenden Jungen in Beispiel zwei das Instanzenmodell zu Spekulationen und Simulationen an. Um diese Szenarien zu widerlegen oder zu bestätigen, um also Sicherheit für weitere Entscheidungen zu gewinnen und um auf die Auseinandersetzung mit dem fiktiven Nebenbuhler vorbereitet zu sein, muß sich die Impulsenergie zu einer wirklichen Handlung formieren und über die Phasen (1) bis (6) realisiert werden z.B. kann ein Privatdetektiv beauftragt werden. Alles was aber an Handlung entschieden und realisiert wird, führt faktisch zur Belastung der Beziehung und in Folge zu gesteigerter Erwartung des Ausgleichs-Erlebnisses. Weil die Handlung, die auf Erzielung von endgültiger Klarheit gerichtet ist aber nicht erfolgreich sein kann, solange die Frau des Mannes nicht wirklich überführt wird, muß die Handlungsenergie, die in archaischen Gesellschaften zur Tötung oder zum Vertreiben des Nebenbuhlers oder der eigenen Ehefrau erforderlich war, lange verfügbar gehalten werden, ohne daß Entspannung einsetzt. Da Energie jedoch fließen will führt dauerhafter Handlungsabbruch dazu, daß die Energie über den Wahrnehmungspfad wieder in das Handlungs- und Wahrnehmungssystem aufgenommen wird, was zu einer weiteren Aufladung der Erwartungsspannung führt. Dieses Kreisen von Energie durch den Handlungspfad und zurück durch den Wahrnehmungspfad, ohne daß eine zielführende Handlung ausgeführt oder zielführende Sinneseindrücke aufgenommen werden können, wird als Wahn bezeichnet. Durch die Geschlossenheit der Energiebahn kann sich eine stabile Struktur entwickeln. Ausweg aus dieser Situation ist eine Entwicklung des Wertesystems in dem Sinne, daß eine fiktive Trennung von der Ehefrau wie eine Realität angenommen wird. Die Wertedistanz kann damit ein Gleichgewicht herstellen und die Würdeinstanz kann lernen, mit dieser fiktiven neuen Situation umzugehen ohne sich in ihrer Selbstbewahrungsfunktion bedroht zu fühlen. Sie kann diese annehmen und die zirkulierende Energie über die Würdeinstanz zurück in das biologische System fließen lassen, was zur Entspannung führt.
Die Gleichgewichtstendenz der Instanzen im Handlungs- und Wahrnehmungsmodell kann im Zusammenhang mit freier Energie als Ursache vieler Handlungstypen gelten: Sie führt zum Leidensdruck der Arbeitslosen, zum Ansturm auf Casting-Shows, zum nachahmenden Spiel der Kinder nach dem Konsum eines spannenden Films und zum Besuch des Managers im Domina-Studio.
Bei der Analyse von Gewaltbereitschaft nach dem Konsum von Gewaltvideos ist nach dieser These zu vermuten, daß diese nicht durch Nachahmung des virtuellen Täters ausgelöst wird, sondern durch Identifikation des Video-Konsumenten mit dem Opfer und der anschließenden Suche nach Widerherstellung des Instanzengleichgewichts durch kompensatorische Übernahme der Täter-Rolle.
In der Beschreibung der Systemumgebung des Modells wurden die ressourcielle und symbolische Interaktion als Interaktionsformen der zweiten bzw. ersten Triade eingeführt. Während die Ressourcen der sekundären Triade quantifizierbar und damit begrenzt sind, lassen sich Zeichen als Gegenstände der Kommunika-tion beliebig vervielfältigen. Trotz ihrer prinzipiellen Unterschiede sind Ressourcen und Zeichen entsprechend ihres Nutzens ineinander umwandelbar. Die Unterscheidung zwischen ressourciellen und symbolischen Interaktionen ist mir wichtig, weil unsere Gesellschaft gern als Informationsgesellschaft und reines Kommunikationssystem beschrieben wird. Soziale Arbeit aus Sicht des Praktikers wird aber trotzdem oft durch Ressourcen determiniert. Daß durch Geheimhaltung oder Kopierschutz symbolische Strukturen verknappt werden, um damit ihren Tauschwert in Ressourcen zu erhöhen, spricht für die Priorität von Ressourcen gegenüber symbolischen Strukturen. Auch evolutionsgeschichtlich dient der Erwerb und die Speicherung von Wissen offensichtlich der Erleichterung des Ressourcenzugriffs. Geld ist in diesem Denkzusammenhang als Teilhaberecht an gesellschaftlich verfügbaren Ressourcen zu definieren. Die Ressource „Aufmerksamkeit“ kennzeichnet den Grenzbereich zwischen ressourciellem und symbolischem Austausch, da „Aufmerksamkeit“ quantifizierbar ist und in gerichteter Form gleichzeitig Selektion und damit Kommunikationselement ist.
Abb. 8: Aufmerksamkeit
Die Abbildung 8 illustriert die Qualität der Aufmerksamkeit als Ressource. Natürlich ist Aufmerksamkeit nicht abbildbar. Der Ärger über das nicht aufzufindende Bild entspringt der Begrenzung der Ressource „Aufmerksamkeit“. Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Suche nach dem Bild illustriert die Selektion als den Elementarakt der Kommunikation, auch ohne kommunizierten Inhalt.
Jeder Handlungsakt kann in diesem Kontext des Modells gleichzeitig als ressourcielles Handeln oder als Kommunikation betrachtet werden. Die ressourcielle bzw. kommunikative Wirkung entscheidet sich aber erst durch Annahme der Ressource oder des Ressourcenzugriffsrechts durch andere bzw. durch Verstehen der kommunikativen Aspekte der Handlung. Dies gilt auch für die Interaktion zwischen dem biologischen und dem Handlungssystem. Sexuell gefärbte biologische Energie z.B. muß als solche von einem noch unerfahrenen als solche nicht erkannt werden. Auf der entgegengesetzten Seite des Modells, der Schnittstelle der Fakteninstanz zur sozialen Umwelt wird z.B. erst beim Tätigen einer Bestellung im Internet aus einem Akt der Kommunikation eine ressourcielle Handlung durch Ressourcentausch. Die energetische Aufladung des Handelnden ist nur insofern für Kommunikation relevant, als daß diese selbst zum Gegenstand der Kommunikation wird oder erforderlich ist, die Kommunikation faktisch zu ermöglichen.
Im Kontext sozialer Arbeit spielt neben allen Arten ressourciellen Handelns die Kommunikation zwischen den Handelnden eine Schlüsselrolle. Wie an Hand der Abbildung 8 gezeigt, besteht die elementare Intention von Kommunikation auch im Sinne des hier beschriebenen Modells in der gegenseitigen symbolischen Selektion von Wahrnehmungsgegenständen. Die Wahrnehmungsgegenstände lassen sich mit den Begriffen der Instanzen als Fakten, Botschaften, Wissen, Bedeutungen, Werten und Würde bezeichnen. Kommunikation heißt also, daß der Sender aus der Vielzahl erkennbarer Fakten, Botschaften usw. eine Auswahl trifft und in einem Handlungsakt darauf hinweist. Der Grad des Erfolgs des Dekodierens (8), Erkennens (9), Verstehens (10), Bewertens (11) und Akzeptierens (12) der selektierten Fakten (7) hängt vom Grad der Übereinstimmung des jeweiligen Kontexts von Empfängers und Senders in den betreffenden Instanzen ab.
Der elementare Akt der Kommunikation, also der gegenseitigen symbolischen Selektion, ist das Zeigen. Die Aufmerksamkeit im Akt des Rezipierens (7) wird auf einen bestimmten Punkt gelenkt. In der weiteren Entwicklung wird aus dem Zeigen das Vorspielen von Szenen, die bildnerische Darstellung bis hin zum bewegten Fernsehbild. Im Gegensatz zum Rezipieren von Umwelt enthält Kommunikation immer die Möglichkeit der Manipulation. Der Steinzeitjäger kann die Blicke seiner Begleiter auf eine Beute lenken, um dann der ebenfalls erspähten, noch fetteren Beute alleine hinterherzujagen. Kommunikation enthält deshalb gegenüber normaler Wahrnehmung als Besonderheit immer die zusätzlich erforderliche Selektion der Annahme oder Ablehnung der Selektion des Senders. Weil Kommunikation aber dem zweifachen Risiko der Täuschung (auf Senderseite und auf Empfängerseite) unterliegt, müssen Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Die Glaubhaftigkeit des Senders ergibt sich aus seiner Repräsentation innerhalb der empfängerseitigen Würdeinstanz, Werteinstanz, Wissensinstanz usw. mit den entsprechenden Prioritäten. Das richtige Verständnis wird geprüft, indem die Instanzen eine Widerspruchsfreiheit mit der eigenen Struktur anstreben.
Auch bei sprachlicher Kommunikation werden selektierte Bilder kommuniziert, die jedoch in ein zweites Mal sequentiell codiert und vom Empfänger decodiert werden müssen. Man kann Sprache daher auch als sequentielles Bild eines Bildes bezeichnen. Durch die zweifache Abbildung ergibt sich der Nachteil der Abbildungsunschärfe der Wirklichkeit. Demgegenüber steht der Vorteil der symbolischen Verdichtung von Sprache, welcher gut mit der reduzierten Repräsentation innerhalb den Instanzen korrespondiert, aber nicht mit ihr gleichzusetzen ist.
Die Besonderheit der sprachlichen Kommunikation gegenüber herkömmlicher Handlung und Wahrnehmung ist, daß auf Grund der Symbolhaftigkeit der Sprache und der Instanzenstrukturen ein Strukturaustausch zwischen Instanzen von Kommunikationspartnern einfach erfolgen kann, ohne daß der gewöhnliche Handlungs- und Wahrnehmungspfad durchlaufen werden muß. Es kann z.B. eine Abwägung oder ein Plan kommuniziert werden, ohne ihn durchzuführen. Auch Wissen, Werte und Bedeutungen können als Kopie übernommen werden, ohne die Widerspruchsfreiheit zwischen den Instanzen zu prüfen. Voraussetzung ist die aktive Öffnung der aktiven Seite der Instanz auf der Senderseite bzw. eine aktive Integration der vermittelten Strukturen auf der Wahrnehmungsseite der Instanz bei Aufnahme von kommunizierten Strukturen. So werden in frühen Sozialisationsphasen Werte internalisiert, ohne deren Bedeutung zu erkennen. Wissen wird vermittelt, das nicht selbst decodiert, deren Bedeutung nicht festgestellt und das nicht angewandt wurde. An diesen Stellen der Instanzenstruktur entstehen bei Belastungen des handelnden Organismus Schwachstellen, die bei Belastung zu Dissoziierung führen können. Auch die Entstehung des Ich-Bewußseins kann als Übernahme von Selektion signifikanter Anderer beschrieben werden.
Bei bildlicher Wahrnehmung ist eine direkte Instanzenkommunikation über symbolische Korrespondenzen in eingeschränkter Weise auch möglich und führt dazu, daß Symmetrie, Farben und Zeichen direkt mit Bedeutung versehen werden können. Für Klänge incl. Sprachmelodien gilt das gleiche. Die Kunst hat diese Art der Kommunikation kultiviert.
In Anwendung des Handlungs- und Wahrnehmungsmodells und unter Berücksichtigung der o.g. Grundsätze werden im Folgenden als vier typische Kommunikationstypen die
- Offene Kommunikation
- Symmetrische Kommunikation
- Kongruente Kommunikation und die
- Asymmetrische Kommunikation
betrachtet.
1. Offene Kommunikation
Bei diesem Kommunikationstyp tauschen zwei oder mehrere Menschen Informationen über eine gemeinsame Umgebung aus. Alle Formen ungerichteter
Information über Medien oder zufälliger Wahrnehmung Anderer sind hier enthalten:

Abb. 9: Offene Kommunikation
2. Symmetrische
Kommunikation
Bei der symmetrischen Kommunikation sind sich zwei Kommunikationspartner gegenseitig ausschließliche Umwelt.

Abb. 10: Symmetrische Kommunikation
Die Instanzen überlappen sich symmetrisch so, daß Agieren und Rezipieren jeweils in der gleichen Instanz der Partner erfolgen. Sinn dieser Kommunikationsart ist ein gegenseitiger kontrollierter Abgleich der Instanzenstrukturen, die der jeweils anderen Fakteninstanz gegenüberliegen. Im Beispiel der Abbildung 10 könnte z.B. ein Austausch bzw. eine Diskussion von Plänen erfolgen. Die Handlungs- und Wahrnehmungspfade werden bei jedem Kommunikationspartner vollständig durchlaufen. Voraussetzung ist die gegenseitige Offenlegung der Instanzen bzw. Prozessphasen.
3. Kongruente
Kommunikation
Die kongruente Kommunikation erfordert eine vollständige Offenheit und Hingabe zumindest eines Partners und ist für intime Beziehungen, insbesondere in der primären Sozialisation typisch. Die Handlungs- und Wahrnehmungspfade werden nicht durchlaufen. Der Instanzenabgleich erfolgt direkt und ungefiltert.

Abb. 11: Kongruente Kommunikation
4. Asymmetrische Kommunikation
Die asymmetrische Kommunikation ist die typische Art der Kommunikation im Bereich der sozialen Arbeit.

Abb. 12: Asymmetrische Kommunikation
Der Sozialarbeiter agiert und rezipiert eine der 6 Instanzen bzw. der 12 Handlungsphasen des Klienten direkt, welcher selbst auf seine Umgebung ausgerichtet bleibt. Das Beispiel in Bild 12 zeigt eine Situation der Wissensvermittlung bzw. Wissensabfrage wie sie für lebenspraktische Situationen oder den Schulunterricht typisch sind, in denen der Aha-Effekt der Erkenntnis dem Wahrnehmenden nicht zugetraut wird, sondern die Erkenntnis direkt in die Wissensinstanz implementiert wird.
Eine passive bzw. aktive Öffnung der Instanzen durch den Klienten ist für diese Form der Kommunikation Voraussetzung. Aus Seiten des Sozialarbeiters werden die Instanzen der Handlung und Wahrnehmung vollständig durchlaufen, was Voraussetzung für eine reflektierte und professionelle Arbeit ist.
Durch die Möglichkeiten des Rezipierens oder Agierens auf 12 Phasen ergeben sich bei der Asymmetrischen Kommunikation 24 typische Kommunikationssituationen. Die rezipierenden Formen des Verstehens des Klienten lassen sich am besten in Frageform beschreiben:
(1) Erregen: In dieser Phase geht es darum zu erkennen, wie der grundlegende Handlungsimpuls des Klienten zu beschreiben ist. Welches biologisch zu definierende Bedürfnis der Selbstbewahrung ist die Ursache? Stammt die Energie aus dem Wahrnehmungszweig, d.h. sind nicht zu Ende geführte Handlungen die Impulsursache? Ist freie Energie die Ursache, die auf Grund von Reizen oder Gewohnheit geprägt wurde?
(2) Abwägen: Auf welchen Wertekonflikt führt der Klient eine Handlungs-Entscheidung zurück? Was wäre die Alternative? Wie lassen sich die alternativen Werte so detailliert wie möglich beschreiben? Lassen sich die Werte auf einen Konflikt zwischen Sicherheit und Autonomie im weitesten Sinne zurückführen?
(3) Spannen: Welche Entscheidungs-Optionen zieht der Klient in Betracht, den Konflikt zu lösen? Erkennt der Klient die Bedeutungen und die Konsequenz der Optionen? Welche weiteren Optionen lassen sich finden?
(4) Entscheiden: Hat der Klient eine Handlungsentscheidung getroffen? Wurde für die Entscheidung der gesamte Wissensfundus des Klienten genutzt? War die Entscheidung schon notwendig? Wie geht er mit den Verlierern der Entscheidung um, seien es Personen oder Werte in ihm selbst? Ist die Entscheidung wirklich zielgerichtet und auf Basis von Optionen erfolgt oder noch eine verschleierte Werte-Abwägung?
(5) Planen: Erfolgt die Planung konsequent zur Realisierung der entschiedenen Absicht? Stehen genug Informationen zur konkreten Planung zur Verfügung? Geht der Klient von der Realisierung der Absicht aus und sind alternative Pläne vorhanden?
(6) Agieren: Mit welchen Mitteln, wann und wo wird die Handlung ausgeführt? Ist es eine echte, auf Außenwirksamkeit orientierte Handlung, ein Handlungsabbruch, eine Ersatzhandlung oder eine Handlung in das eigene Sinnessystem (Sucht)?
(7) Rezipieren: Welche Fakten sind dem Klienten bekannt bzw. nimmt er wahr? Welche Orientierung hat die Erwartungsspannung ?
(8) Decodieren: Welche Botschaften leitet der Klient aus den Fakten ab?
(9) Erkennen: Welche handlungsrelevanten Erkenntnisse hat der Klient?
(10) Verstehen: Welche Bedeutungen misst der Klient seinen Erkenntnissen bei?
(11) Bewerten: Welche Werte definieren die Bedeutungen aus Sicht des Klienten?
(12) Akzeptieren: Wie ist die Würdeinstanz geprägt? Wie groß ist die Autonomie der Würde gegenüber Werten? Akzeptiert die Würdeinstanz eine wahrgenommene Struktur als Auslöser von Energie? Welche biologischen Impulse blockiert die Würdeinstanz? Wie geht die Würdeinstanz mit aus abgebrochener Handlung zurückgeführter Energie um?
Die Rückmeldung der vom Sozialarbeiter rezipierten Informationen an den Klienten dient der Bewusstmachung und kann beim Klienten Verarbeitungsprozesse bis hin zu karthartischen Ersatzhandlungen auslösen. Das Agieren auf Phasen des Klienten ist als unterstützende Hilfeform prinzipiell möglich, indem dem Klienten ein konsequentes Prozessieren des Problems entsprechend der klienteneigenen Instanzenstrukturen gelehrt wird. Eine dauerhafte Veränderung der Instanzenstrukturen ohne Leidensdruck der Klienten selbst ist schwer zu erreichen, da die Selbstbewahrungstendenzen der Instanzen dies verhindern wollen. Hilfe kann darin bestehen, leidvoll erlebte Widersprüche zwischen den Instanzen oder Ungleichgewichte innerhalb der Instanzen ausgleichen zu helfen. Aus Sicht der Gesellschaft kann es angemessen sein, diese Widersprüche zunächst zu erzeugen, wie es bei Täter-Opfer Begegnungen praktiziert wird (kognitive Dissonanz).
Beispielhafte Interventionsformen:
(1) Erregen: Freilegen der Bedürfnisse des Klienten oder Anregen der Bedürfnisse durch äußere Reize, Impulshemmung unter Verweis auf die eigene Würde
(2) Abwägen: Hilfe bei Bewusstmachung der eigenen Wertesysteme im Kontext gesellschaftlicher Wertesysteme. Hilfe bei Ausarbeitung des Basiskonflikts, Impulshemmung unter Verweis auf die eigenen Werte
(3) Spannen: Aufzeigen von alternativen Lösungsoptionen und Kompromissen bis hin zu sublimierenden Lösungen wie Sport und Kunst
(4) Entscheiden: Hilfe bei der Wahl des Entscheidungszeitpunktes. Kontrolle des ausreichenden Wissensstandes für die Entscheidung und der Berücksichtigung aller Optionen. Hilfe bei Aufwand-Nutzens Optimierung. Lenkung der Energie auf Ersatzziele
(5) Planen: Hilfe bei der Beschaffung von Informationen für die Durchführung der Handlung. Hilfe für eine realistische Planung, Verhindern von Informationszugriff
(6) Agieren: Beistand beim Handlungsakt, Hilfe bei der Wahl von Ort Zeit und Mittel, ressourcielle Beschränkung
(7) Rezipieren: Hilfe bei der Faktenbeschaffung
(8) Decodieren: Unterstützung beim Erkennen der Botschaft von Fakten
(9) Erkennen: Vermittlung von handlungsrelevantem Wissen und Erkenntnis
(10) Verstehen: Erklärung der Bedeutung für den Klienten bei Berücksichtigung seines Wertesystems. Aufzeigen der Bedeutung für andere
(11) Bewerten: Hilfe bei der Einordnung von Bedeutungen in das Wertesystem des Klienten; Aufzeigen von Differenzen zu Wertesystemen anderer, Einfluß auf das Wertesystem
(12) Akzeptieren: Stärkung der autonomen Würde durch wertfreie Annahme des Klienten; Hilfe bei der Realisierung der objektiven vs. der internalisierten Selbstbewahrungsrisiken, Hilfe bei der Rückführung von Energie in das biologische System durch Akzeptanz von Realität
Das entworfene Handlungsmodell entstand durch den Versuch der Zusammenführung unterschiedlicher psychologischer und soziologischer Ansätze mit dem Anspruch, dem Sozialarbeiter ein einheitliches und handhabbares Modell menschlichen Handelns und Wahrnehmens für die tägliche Fallarbeit zur Verfügung zu stellen. Die Anschlussfähigkeit an die zu Grunde gelegten Modelle und Theorien ergibt sich indirekt aus der Art der Übernahme einzelner Komponenten und ist durch deren Verwendung im Modell nachzuvollziehen. Für den Sozialarbeiter relevanter ist die Anschlussfähigkeit des Modells an gebräuchliche sozialtheoretische Werkzeuge. Es sind z.B. die Rollentheorie, Theorien der Beratung, des abweichenden Verhaltens und der pädagogischen Intervention. Die Schnittstellen des Modells zu diesen Theorien sollen deshalb betrachtet werden:
Abweichendes
Verhalten / Wert-Mittel Diskrepanz:
Die Theorie geht davon aus, daß Dissoziierungsprozesse durch Wert-Mittel Diskrepanzen ausgelöst werden, die der Klient nicht im Einklang mit bestehenden Normen lösen kann. Im Kontext des Handlungsmodells ist ein Wert-Mittel Konflikt nicht möglich, da Werte der Werteinstanz zugehörig sind, Mittel jedoch erst in der Planungsphase relevant werden. Nach dem Handlungsmodell ist nach einem ursprünglichen Wert-Wert Konflikt in Phase (2) zu suchen, in dem gesellschaftlich anerkannte Werte einerseits anerkannt werden - denn sie lösen den Wunsch nach Status oder Besitz erst aus - andererseits jedoch wissentlich Normen, die auf den betreffenden Werten basieren nicht beachtet werden, was zur Dissoziation führt.
Wird bei den Lösungsstrategien der devianten Innovation oder der Scheinanpassung das wissentliche Verletzen von Normen angenommen, und das Wissen um die Bedeutung der Verletzung für den darüber stehenden Wert vorausgesetzt, kann der Konflikt in einen Wert-Wert Konflikt transformiert werden. Dieser lässt zur Lösung des Konflikts die eigene Spaltung zu und nimmt damit Widersprüche zwischen der eigenen Werteinstanz und der Wissensinstanz in Kauf, weil diese eher zu ertragen sind, als der Wertekonflikt. Dies ist bei Personen wahrscheinlich, deren Selbstbewahrungsziele in der Würdeinstanz eine Integrität über die biologische Integrität hinaus nicht umfassen.
Die Strategie des Rückzugs schützt eine höher entwickelte Würdeinstanz, indem der Konflikt zugunsten der Sicherheit gegen die eigene Autonomietendenz entschieden wird. Bei der Rebellion ist es entgegengesetzt.
Rollentheorie:
Die Rollentheorie setzt eine Binnendifferenzierung einer Gruppe voraus, die Positionen innerhalb der Gruppe definiert, die sich gegenseitig bedingen und definieren. Die Position eines Führers erzeugt die Position der geführten, die Position des Angreifers die der Verteidiger usw. Unter der Annahme, daß die Binnendifferenzierung einer Gruppe den Regeln der doppelten Triade folgt, könnte man eine Struktur der Gruppe vermuten, die dem Handlungs- und Wahrnehmungsphasen und den Instanzen kongruent ist. Die Inhalte der Rollen und die Beziehungen zueinander wären damit nicht beliebig. Die Übernahme von Rollenpositionen durch den Rollenträger in einer Gruppenstruktur könnte mit den Prinzipien der kongruenten Kommunikation nach Punkt 5.2 beschrieben werden. Eine detaillierte Untersuchung dieser Zusammenhänge muß weiterführenden Arbeiten überlassen werden.
Die Rolle selbst existiert im Handlungsmodell als Struktur innerhalb der Instanzen und ist mit Erwartungen an den Rollenträger verbunden. Rollenkonflikte würden nach dem Handlungsmodell als Wertekonflikte beschreibbar sein. Diese würden mit dem Ziel gelöst werden, das Instanzensystem im Gleichgewicht und widerspruchsfrei zu halten. Rollendistanz entsteht nach dem Handlungsmodell in dem Maße, in dem die Zugehörigkeit zur Gruppe disponibel ist, also nicht von der Selbstbewahrung der Würdeinstanz gefordert wird. Dies ist in der Regel bei erfolgloser primärer Sozialisation und entsprechend präkonventioneller Stufe der Moralentwicklung der Fall, oder bei postkonventioneller Moralentwicklung, was an Lao Dse erinnert: „das geradeste gleicht dem krummen, das geschickteste dem dummen, das beredteste dem stummen“ (Lao Dse 2007 Kap.45)
Theorien der
Beratung:
Abgesehen von lebenspraktischer Beratung ist der Ausgangspunkt von Beratung typischerweise eine „chronisch“ gewordene Problemlage des Klienten. Das Handlungsmodell kann zur Analyse der Problemlage und zur Interventionsteuerung benutzt werden. Die Kommunikationsaspekte der Beratung lassen sich an Hand der im Kapitel 5.2. dargestellten Kommunikationstypen darstellen. Zum Vergleich mit einer etablierten Beratungstheorie sollen im Folgenden die 6 Kategorien von Interventionen nach Heron herangezogen werden (vergl. Heron 2006, S. 4ff).
1. Vorschreibende Intervention
Diese Interventionsart lenkt das Verhalten des Klienten direkt.
Nach unserem Modell der asymmetrischen Kommunikation würde dies einem
Agieren auf die Phase 6 entsprechen.
2. Informative Intervention
Diese Interventionsart vermittelt nach Heron dem Klienten Wissen, Informationen und Bedeutungen.
Im Handlungsmodell könnte man diese Interventionsart zusammenfassend dem Agieren auf die Phasen 7,8 und 9 zuordnen. Das Agieren auf Bedeutungen (10) des Klienten würde nach dem Handlungsmodell gesondert zu betrachten sein, da Bedeutungen sich aus dem Wertesystem des Klienten ergeben und deshalb nicht wie Informationen oder Wissen übertragen werden können.
3. Konfrontierende Intervention
Nach Heron ist darunter die Bewusstmachung von einschränkenden Einstellungen oder Verhaltensmuster zu verstehen.
Diese Interventionsart korrespondiert mit einem Agieren auf die Phasen (10) und (11) des Handlungsmodells, wobei hier zwischen Bedeutungen und zugrunde liegenden Wertvorstellungen unterschieden wird.
4. Kathartische Intervention
Diese Art der Intervention dient nach Heron der Entlastung durch Ausdruck von Gefühlen im Sinne von Ersatzhandlungen.
Im Handlungsmodell entspricht diese Intervention dem Rezipieren auf die Handlungsphase (6) mit dem Ziel, eine Ersatzhandlung auszulösen, indem das eigene Rezipieren eine echte Handlungsumgebung für den Klienten simuliert.
5. Katalytische Intervention
Nach Heron umfasst die katalytische Intervention alle Maßnahmen zur Anregung von Prozessen der Persönlichkeitsentwicklung.
Nach dem Handlungsmodell korrespondiert diese Intervention am besten mit dem Agieren und Rezipieren auf die 6 inneren Phasen (10) bis (12) sowie (1) bis (3), wobei die Unterteilung in 6 Phasen eine detailiertere Analyse erlaubt.
6. Unterstützende Intervention
Der Wert des Klienten als Person, seiner Qualitäten, Einstellungen oder Handlungen wird positiv bestärkt.
Durch die hierarchische Ordnung der Instanzen im Handlungsmodell empfiehlt sich eine Wertschätzung als Agieren insbesondere auf Phase (12), weil dadurch eine Infragestellung und Änderung aller anderen Instanzen, einschließlich der Werteinstanz, möglich wird.
Pädagogische
Intervention:
Als herkömmliche handlungsleitende Beschreibung von
pädagogischen Interventionsprozessen dient die „Pädagogische Intervention“ nach
-
Faktenerhebung: „Existenzhypothese“
-
Rückführung auf beobachtbare Handlung:
„Operationalisierung“
-
Quantifizierung
-
Festlegen einer Verhaltensstichprobe
-
Festlegen und Legitimation des Erziehungsziels unter
Berücksichtigung des Klientenwohles
-
Begründung des Erziehungsziels
-
Erklärung möglicher kausaler Ursachen
(Kausalhypothese)
- Verstehen der Motivlage (Finalhypothese)
-
Handeln auf Basis der Kausalhypothese (äußere
Maßnahmen) oder auf Basis Finalhypothese (Einfluß auf Motivgefüge)
- Erfolgskontrolle
(vergl. Trabandt 2007, S. 25ff)
Im Mittelpunkt der Intervention nach dieser Beschreibung steht der wahrnehmende und handelnde Sozialarbeiter.
Im Abgleich mit dem Handlungs- und Wahrnehmungsmodell können folgende Zuordnungen getroffen werden:
Die Aktivitäten der Faktenerhebung, Operationalisierung und Quantifizierung bis zur Verhaltensstichprobe korrespondieren mit den Wahrnehmungsphasen (7) bis (9) und sind eindeutig dem Sozialarbeiter als Akteur zuzuordnen.
Beim Festlegen des Erziehungsziels mit Bezug auf zugrunde liegende Wertesysteme werden aber zwangsläufig die Wertesysteme des Klienten sowie die Wertesysteme der Gesellschaft und des agierenden Sozialarbeiters relevant. Eine deutliche Entsprechung gibt es zur Phase (11): „Bewertung“. Im personenzentrierten Handlungsmodell muß nun aber unterschieden werden, wessen Werte betrachtet werden und welche Kommunikationsprinzipien wirken. Zusätzliches Augenmerk legt das Handlungsmodell auf das Verstehen (10) als Verknüpfung von Werten und Wissen beim Klienten wir beim Sozialarbeiter.
Das Klientenwohl der Pädagogischen Intervention entspricht wohl am besten der Phase (12): „Akzeptieren“ und der damit verbundenen Würdeinstanz. Diese Korrespondenz beinhaltet aber explizit die Toleranz von „Unwohlsein“ auf den untergeordneten Instanzen, solange dies der Würde des Klienten dient.
Die Begründung des Erziehungsziels wäre ein Kommunikationsakt auf die Phasen (12) bzw. (11) des Klienten.
Die Handlungsbegründung als Kausalhypothese basiert auf einer Problemlösungsstrategie bei Betrachtung der 6 äußeren Phasen (4)-(9) des Klienten.
Die Finalhypothese mit Motiverklärung basiert auf Betrachtung der 6 inneren Phasen (10) bis (3) des Klienten. Dementsprechend richten sich die Handlungen des Sozialarbeiters auch entweder auf den inneren oder äußeren Halbkreis des Handlungsmodells des Klienten.
Bei dem Vergleich des Interventionsprozesses mit dem auch prozeßhaft aufgefassten Handlungs- und Wahrnehmungsphasen wird deutlich, daß interaktive Prozesse besser zu systematisieren sind, wenn man Strukturmodelle aller beteiligter Personen unterlegt und zwischen diesen und den entsprechenden Kommunikationsstrukturen unterscheidet.
Ziel des in dieser Arbeit beschriebenen Modells ist es, Prozesse der Handlung und Wahrnehmung besser zu verstehen und aus diesem Verständnis Interventionen zu gestalten. Als praktisches Anwendungsbeispiel aus einem sozialpädagogischen Umfeld soll dies an einem konkreten Falle eines achtjährigen Jungen mit Schulproblemen gezeigt werden. Die Schulsituation wurde gewählt, weil die Polarität zwischen gesellschaftlichen Normen, Peer-Group und Klient sich hier schärfer als in einer geschützten häuslichen Situation beschreiben läßt.
Die Analyse der Handlungs- und Wahrnehmungsphasen erfolgt klientenbezogen unter Anwendung der 12 Standardformen der Asymmetrischen Kommunikation, wie im Kapitel 5.2 beschrieben. Die betrachteten Handlungsoptionen zielen auf erforderliche Einstellungsänderung bzw. auf Anpassung äußerer Strukturen an die Bedürfnisse des Klienten. Neben den aus dem Handlungsmodell abzuleitenden 12 agierenden und 12 rezipierenden kommunikativen Interventionsformen stehen dem Sozialarbeiter stets auch ressourcielle Handlungsoptionen offen, die in den kommunikativen Phasen implizit mit diskutiert werden.
Ausgangssituation:
Mike, 8 Jahre alt (Name geändert), lebt seit 5 Jahren in
einem Kinderheim nach familienähnlichem Konzept und wird eingeschult. Über die
ersten Lebensjahre ist wenig bekannt. Schwerste Verwahrlosung wird angenommen. Elternkontakte
gibt es nicht. Entwicklungsrückstände und Deprivationssyndrome wurden im Heim weitgehend
aufgearbeitet. Die Einschulungsuntersuchung wurde in einer Vis-á-vis-Situation
mit dem untersuchenden Personal und im Beisein der Pflegeeltern durchgeführt
und zeigte keine Besonderheiten. Im ersten Schuljahr häufen sich Klagen über
mangelnde Konzentration, Störung des Unterrichts und auffälliges Sozialverhalten
in der Schule.
In Anwendung der aus dem Modell abgeleiteten 12 rezeptiven Formen der
Asymmetrischen Kommunikation erfolgt eine exemplarische Analyse der Situation Mikes an Hand einer konkreten elementaren Unterrichtsstörung. Die Faktenerhebung könnte in Form einer Befragung oder Beobachtung erfolgt sein und wird durch Interpretationsversuche ergänzt, die sich auf biographische Kenntnisse beziehen und sich an den Vorgaben der Phasenstruktur des Modells orientieren.
(7) Rezipieren: Welche Fakten nimmt Mike
war? Wie ist die Erwartungsspannung orientiert?
Im Unterricht nimmt Mike viele, um seine begrenzte Aufmerksamkeit konkurrierende Fakten wahr. Es sind die anderen, in Bewegung befindlichen Kinder, die Lehrerin mit ihren Anforderungen, die Ausstattung des Raumes selbst, seine Schulutensilien, mit denen man spielen kann und die Gärtner, die er durch das Fenster beobachten kann. Mikes Erwartungsspannung nach neuen Reizen kann beobachtet werden.
(8) Decodieren:
Welche Botschaften leitet Mike vermutlich aus den Fakten ab?
Die anderen Kinder sind lebhaft, sitzen aber in der Bank. Sie nehmen sich gegenseitig wahr, lassen sich ablenken, wollen vielleicht auch spielen ? - tun aber trotzdem im allgemeinen, was die Lehrerin sagt. Die Lehrerin stellt Aufgaben, die einzeln oder gemeinsam erledigt werden und deren Ergebnisse dann mehr oder weniger gelobt werden usw.
(9) Erkennen: Welche
handlungsrelevanten Erkenntnisse hat Mike?
Mike erkennt, daß auch er die gestellten Aufgaben lösen soll, still sitzen soll und die anderen Kinder in Ruhe arbeiten lassen soll. Er spürt aber auch eine Informationsmangellage und den Reiz umherzulaufen, um weitere neue Informationen aufzunehmen und die anderen Kinder zum Spielen aufzufordern. Ein Teil der Unruheempfindung rührt aus einer schon länger anhaltenden Energierückführung aus dem Handlungspfad wegen Handlungsabbruchs her. Er hat vage Vorstellungen über Konsequenzen evtl. abweichenden Handelns. Die Vorstellung für Gefühle und Einstellungen anderer ist schwach ausgeprägt.
(10) Verstehen:
Welche Bedeutung haben Mikes Erkenntnisse für ihn?
Mike versteht, daß ein Konflikt zwischen seiner Erwartung nach neuen Reizen und den Anforderungen der Lehrerin besteht. Er versteht auch, daß die Gruppe die Anforderungen der Lehrerin erfüllt.
(11) Bewerten: Welche Werte definieren die Bedeutungen für
Mike?
In seiner Bewertung des Konfliktes steht Mikes Bewegungsdrang höher als die Ansprüche der Lehrerin. Nach seinen Erfahrungen sind alle Menschen mehr oder weniger freundliche Fremde, deren Wichtigkeit für seine Selbstbewahrung auf einer Ebene mit dem Wissen darüber steht, woher die nächste Mahlzeit kommt. Eine frühkindliche existentielle Abhängigkeit von engen Bezugspersonen, die jede soziale Beziehung zu Erwachsenen generalisiert mit Super-Priorität bewerten ließe, hat Mike nicht wahrgenommen. Durch den extremen frühkindlichen Reizmangel geprägt ist es Mike mindestens ebenso wichtig, die Kinder in der Klasse als Spielkameraden zu gewinnen oder sie durch Provokationen zu einem Kontakt zu zwingen. Mike hat auch gelernt, daß Verstöße gegen die Regeln der Lehrer ihm vor den gleichaltrigen Kameraden eher Anerkennung als Verachtung bringen. Allerdings ist Aufmerksamkeit anderer, wodurch auch immer erlangt, ein wichtiges Ziel, obwohl Mike nicht so recht weiß, wie er diese für sich nutzen kann und wo die Unterschiede zwischen wohlwollender und abwertender Aufmerksamkeit liegen. Ähnlich wird auf Grund seiner Erfahrungen der Konflikt Initiative vs. Hilflosigkeit bewertet.
(12) Akzeptieren:
Wie ist Mikes Würdeinstanz geprägt?
Bei normal sozialisierten Kindern werden in der frühen Kindheit beide Schlüsselressourcen: „Autonomie“ und „Sicherheit“ durch Bezugspersonen gewährleistet. Zusätzlich werden durch Kongruente Kommunikation die Instanzen einschließlich der Würdeinstanz sozial geprägt. In Verwahrlosungssituationen, wie sie bei Mike vermutet werden müssen, erfolgt die Orientierung der Würdeinstanz weniger sozial als faktisch auf Basis von biologisch, nicht sozial bewerteter Wahrnehmung. Nahrung, Bewegung und Reize überhaupt waren wohl die prägenden Repräsentanten der Selbstbewahrungstendenz in Mikes früher Kindheit.
Entsprechende Wahrnehmungsinhalte werden hoch bewertet und akzeptiert. Eine Autonomie von diesen Werten fällt ihm vergleichsweise so schwer wie normal sozialisierten Menschen die Autonomie gegenüber sozialer Fremdbewertung. Autonomie gegenüber sozial vermittelten Werten fällte Mike dagegen vergleichsweise leicht. Die Bewegungsreize werden also von der biologischen Ebene aufgenommen und generieren einen Bewegungsimpuls in Phase (1)
(1) Erregen: Wie
ist der grundlegende Handlungsimpuls zu beschreiben? Ist der Impuls biologisch
generiert oder durch Wahrnehmung vermittelt?
In Phase (1) trifft ungeprägte biologische Energie auf den in Phase (12) angenommen Bewegungsimpuls. Eine automatische Hemmung auf Grund von extrem entgegenstehenden Inhalten der Würdeinstanz erfolgt aus den oben beschriebenen Gründen nicht.
(2) Abwägen:
Auf welchen Wertekonflikt ist die Entscheidung über die Handlung
zurückzuführen?
Der grundlegende Wertekonflikt der Situation besteht zwischen der Autonomietendenz des Bewegungsimpulses mit dem Ziel weitere Reize aufzunehmen und der Sicherheit, die sich aus der Befolgung der durch die Lehrerin und die Institution Schule vorgegebenen Regeln ergibt. Die Autonomietendenz überwiegt bei Mike deutlich. Die Sicherheit ist bei Verstoß nach den bisherigen Erfahrungen kaum gefährdet. Das Wohlwollen der Lehrerin als Sicherheitsgarant scheint verzichtbar. Die Aufmerksamkeit anderer als diffus wichtig empfunden, steht auch auf der Seite der Autonomie.
(3) Spannen: Welche
Entscheidungsoptionen könnte Mike in Betracht ziehen?
Aufschub bis zur Pause, Ersatzhandlungen wie „Im Buch blättern“, Phantasiereisen, Erfüllung der Unterrichts-Aufgaben wie schreiben, den Nachbarn ansprechen, aufstehen und zu einem anderen Tisch gehen – das fällt uns ein. Mike verspricht sich die stärksten neuen Reize von der letzen Option, kann aber noch Aufschieben, weil der Gärtner draußen gerade den Spaten säubert und dabei Geräusche macht.
(4) Entscheiden:
Hat Mike eine Entscheidung getroffen? Wie geht er mit den Verlieren der
Entscheidung um?
Nachdem der Gärtner seinen Spaten gesäubert hat, wird es unerträglich still im Klassenraum. Mike steht auf und schaut sich um. Um sich das Wohlwollen der Lehrerin nicht ganz zu verscherzen, macht er ein süß-saures Gesicht, was niedlich aussehen soll. Das ist ein Kompromiss, um den Schaden sicherheitshalber zu begrenzen.
(5) Planen: Erfolgt
die Planung konsequent zur Realisierung der Absicht ?
Einmal aufgestanden plant Mike, seinen Kumpel Max in der hinteren Ecke des Klassenraums zu besuchen, was den Vorteil hat, daß seine Lehrerin ihm nicht sofort in das Gesicht sehen und intervenieren kann.
(6) Agieren: Mit
welchen Mitteln wird die Handlung ausgeführt. Ist es eine echte, nach außen
gerichtete Handlung ?
Mike geht langsam zu Mike und schaut ihm zu, wie er in sein Heft schreibt.
Die Ressource „Aufmerksamkeit“ aller hat er schon gewonnen. Der Bewegungsreiz ist zunächst abgebaut.
Ein neuer Zyklus beginnt mit der Erwartungsspannung, daß die Lehrerin interveniert.
Im Folgenden werden die akuten und strategischen Interventionsmöglichkeiten diskutiert. Die handelnde Person der evtl. durchzuführenden Intervention ist die Lehrerin, könnte aber genau so gut eine Erzieherin oder Sozialarbeiterin sein. Es werden die kommunikativen Interventionsmöglichkeiten nach dem Asymmetrischen Kommunikationsmodell betrachtet. Auch ressourcielle Optionen der Intervention werden in Erwägung gezogen. In der Wirkung auf den Klienten sind entlastende Interaktionen von solchen Interaktionen zu unterscheiden, die Verhaltensänderungen im Sinne von Anpassung bewirken sollen.
(7) Rezipieren:
Hilfe bei Faktenbeschaffung
Nimmt Mike alle relevanten Informationen wirklich wahr?
Auszuschließen sind Beeinträchtigungen der Sinnesleistungen wie Kurzsichtigkeit oder Hörstörungen und Störungen der Informationsverarbeitung, wie es bei Legasthenie anzunehmen ist.
Wir nehmen an, daß Mike über alle Informationen verfügt, die er in seiner Situation für ein adäquates Handeln braucht. Zu berücksichtigen ist auch, daß sozial geprägte Wahrnehmungsfilter bei Mike nicht funktionieren und er neben den relevanten Fakten auch jede Fliege an der Wand wahrnimmt. Eine sinnvolle ressourcielle Intervention wäre die Schaffung einer reizarmen Lern-Umgebung für Mike.
(8) Decodieren:
Unterstützung beim Erkennen der Botschaft von Fakten
Es ist sicherzustellen, daß Mike die Botschaft der Lehrerin richtig versteht und auch Äußerungen von Mitschülern richtig interpretiert. Da die Dekodierungs-kompetenz durch die Erwartungsspannung im Wahrnehmungspfad gefärbt wird und Mikes Wertesystem sich von dem der Mitschüler unterscheidet, kann es in dieser Phase zu Missverständnissen kommen. Ein Blickkontakt zu einem Mitschüler kann z.B. als Aufforderung zum Spiel missverstanden werden. Eine ungestörte Interpretation kann bei Mike nicht vorausgesetzt werden. Hilfe bei der Interpretation von Botschaften kann die störende Erwartungsspannung im Wahrnehmungspfad kompensieren.
(9) Erkennen: Vermittlung
von handlungsrelevantem Wissen
Die Wissensinstanz als Träger der Erkenntnisfähigkeit äußerer Zusammenhänge. Ist bei Mike altersbedingt noch schwach ausgeprägt. So kann er die Zusammenhänge zwischen dem Lernen und seinen späteren beruflichen Chancen in deren ganzen Tragweite nicht erfassen. Auch erkennt er nicht klar, daß sein Verbleib an der gewohnten Schule von seiner Fähigkeit der Impulsunterdrückung anhängt. Zu klären wäre, ob man diese Erkenntnisse forcieren sollte, um dann durch Verstehen und Bewerten die Motivation zu erhöhen oder ob dies zu Ängsten und einer weiteren Belastung der Anpassungsfähigkeit führen würde. Alternativ könnte man manipulativ die Zusammenhänge verkürzen und bei inakzeptablen Störungen einen sofortigen aber kurzfristigen Ausschluß aus dem Unterricht praktizieren. Dieses faktisch orientierte Lernen würde die Wissensinstanz prägen, ohne die inneren gestörten Instanzen einschließen zu müssen. Das gilt auch für alle anderen Belohnungs- und Bestrafungsoptionen, die auf faktisches Lernen und nicht auf Einstellungsänderung hin orientiert sind.
Kenntnisse über die Konsequenzen seiner Handlungen in künstlicher selbstbezüglicher Form als Wissen über Belohnung und Bestrafung sowie in Form von Wissen über die Folgen eines Handelns bei Anderen kann ebenso forciert werden.
(10) Verstehen:
Erklärung der Bedeutung für den Klienten bei Berücksichtigung seines
Wertesystems. Aufzeigen der Bedeutung für andere.
Bedeutungen werden aus Werten und diese aus der Würdeinstanz abgeleitet. Hier ist mit größeren Abweichungen bei Mike zu normal sozialisierten Kindern zu rechnen. Das Verstehen der eigenen Bedeutungen von Handlungen im Gegensatz zu den Bedeutungen der Handlungen für andere kann behutsam verbessert werden. Evtl. sind den kognitiven Asymmetrischen Kommunikationsmethoden Methoden der kongruenten Kommunikation vorzuziehen. Das Verstehen, daß die anderen Kinder gerne lernen und ihren Reizhunger durch Abarbeiten der gestellten Aufgaben stillen können, könnte vermittelt werden. Die Tatsache, daß es der Lehrerin wirklich gefällt, wenn ihre Aufgaben erfüllt werden, kann bekräftigt werden. Generell ist bei Interventionen auf die Phasen (10) bis (12) am meisten Zurückhaltung geboten.
(11) Bewerten: Hilfe
bei der Einordnung von Bedeutungen in das Wertesystem des Klienten; Aufzeigen
von Differenzen zu Wertesystemen anderer, Einfluß auf das Wertesystem
Die kognitive Analyse des eigenen Wertesystems ist einem Kind in Mikes Alter nicht zumutbar. Andererseits übernehmen Kinder auch in seinem Alter leicht und spielerisch Werte von anderen, insbesondere reizstarken Idolen. Der tapfere Indianer ist ein bekanntes Beispiel. In diesem Prozeß spielt der Medienkonsum und damit die Medienkontrolle eine große Rolle. Auch von anerkannten Mitgliedern der Peer-Group könnte Mike Werte übernehmen. Kontraproduktiv sind aktive Interventionen im Sinne von: „Schau doch mal, wie fleißig Michael lernt!“. Auch Lernprozesse und die Anerkennung eigener Erfolge können das Wertesystem nachhaltig verändern. Hier setzt die Argumentation für den Einsatz von Psychopharmaka an, die diese Erfolge ermöglichen und damit das Wertesysten umorientieren könnten. Auch künstliche Wertesysteme wie Punktsysteme und Bienchen werden von Kindern in Mikes Alter noch akzeptiert.
(12) Akzeptieren:
Stärkung der autonomen Würde durch wertfreie Annahme des Klienten; Hilfe bei
der Realisierung der objektiven vs. der internalisierten Selbstbewahrungsrisiken,
Hilfe bei der Rückführung von Energie in das biologische System durch Akzeptanz
Interventionen auf die Würdeinstanz, in der es im Kern ja um
Selbstbewahrung geht, sind naturgemäß nur bestätigend, empathisch denkbar. Jede
Annahme von Mike als Person, auch in seinen Verfehlungen stärkt diese Instanz
und erleichtert damit die Emanzipation von der Werteinstanz und damit die
Änderung der alten unpassenden Werte in neue adäquate Werte. Zusätzlich ist
Mike bei Bedarf zu helfen, bei abzubrechenden Handlungen (siehe Intervention
auf Phase (6) die zurückzuleitende Energie in das biologische System zurückzuführen.
Diese Beruhigungsaufgabe beinhaltet auch das Festhalten bei Erregungszuständen
und schützt die Würde von Mike mehr, als daß wenn man ihn zerstörerisch oder
selbstverletzend tätig werden ließe. Auch das Zulassen von permanenter Verfügbarkeit
von Nahrung kann helfen, die unterschwellige Hunger-Angst zu dämpfen. Das
starke Autonomiebedürfnis kann durch die Erlaubnis entlastet werden, bei Bedarf
auf einem Extra-Zettel zu malen.
(1) Erregen:
Freilegen der Bedürfnisse des Klienten oder Anregen der Bedürfnisse durch
äußere Reize, Impulshemmung unter Verweis auf die eigene Würde
Die Würdeinstanz nimmt auch bei Mike die Funktion der Selbstbewahrung wahr – auch wenn diese nicht als sozial vermittelt erlebt wird. Ein Verweis auf die Selbstbewahrung kann auch bei Mike einen Impuls stoppen. Ein elementares Beispiel ist das „Halt!“ an einer befahrenen Straße, das auch er in Erregung nicht ignoriert. In dem Maße wie es gelingt, Selbstwert-Identifizierungen in Mikes Würdeinstanz zu verankern, die über bloße biologische Identifizierung hinausgehen kann es auch gelingen, mit Verweis auf diese entgegenstehende Impulse zu stoppen. Inwieweit dies potentiell möglich ist, kann durch den Kamera-Versuch probiert werden. Bekommt Mike einen Wutanfall unter Kontrolle, wenn man versucht, ihn mit einer Video-Kamera zu dokumentieren, gibt es hier potentielle Interventionsmöglichkeiten mit Selbstwertbezug.
(2) Abwägen:
Hilfe bei Bewusstmachung der eigenen Wertesysteme im Kontext gesellschaftlicher
Wertesysteme. Hilfe bei Ausarbeitung des Basiskonflikts, Impulshemmung unter
Verweis auf eigene Werte
Der grundlegende Wertekonflikt besteht in der Sicherheit
durch Einhaltung der Regeln vs. Autonomiegewinn durch Brechen der Regeln und
Reizsuche durch Bewegung. Eine Impulshemmung mit Bezug auf eigene Werte ist
hier möglich, wenn es gelingt, die Sicherheit höher zu bewerten als den
Autonomieimpuls oder einen noch höheren Autonomiegewinn nach Aufschub in
Aussicht zu stellen. Da die Würdeinstanz zur Steuerung der Werte bei Mike nur
schwer anzusprechen ist (wir wollen ihn ja nicht für Verfehlungen vor der
Peer-Group bloßstellen), und das kognitive Verständnis allein dafür nicht
ausreichen wird, bleibt zur Veränderung der Bewertungen bzgl. Sicherheit und
Autonomie durch Mike nur die Durchführung ressourcieller Erfahrungen, die im
Wahrnehmungspfad zu Lernprozessen und Umbewertungen führen würden. Lernfelder
dieser Art sind aus meiner Erfahrung nur mit Mitteln der Erlebnispädagogik zu
gestalten. Zusätzliche künstliche Wertsysteme, die an die „Ehre“ und
insbesondere an den Status in der Peer-Group appelieren, können internalisierte
Primärwerte überlagern und gezielt eingesetzt werden.
(3) Spannen:
Aufzeigen von alternativen Lösungsoptionen und Kompromissen bis hin zu
sublimierenden Lösungen wie Sport und Kunst
Für eine Impulshemmung in dieser Phase ergeben sich auf Basis von Verstehen von Bedeutungen mit zunehmenden Alter mehr und mehr Möglichkeiten einer Konfliktlösung, da auch Impulsumwandlungen und Kompromisse wie Trieb-Aufschub ins Spiel kommen. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Neben der Option der vollständigen Entlastung (Sport statt Schule) sind hier Teilentlastungen aller Art denkbar. Praktisch hat sich bei Mike bewährt, ihn nach Belieben auf einem Blatt malen zu lassen, was zur Impulsabbau führt und den Unterricht zumindest nicht stört. Spiele wie „Wer kann am längsten stillsitzen?“ führen zum Training der Impulsumkehr. Oft haben Klienten selbst bei entsprechender Führung die besten Ideen, wie man beiden widersprüchlichen Polen gerecht werden kann. Eine Selbstverpflichtung auf die Durchführung einer eigenen Idee kann hilfreich sein. Die Einbeziehung künstlicher Wertesysteme oder materieller Gratifikationen kann die Anzahl der Optionen weiter vergrößern.
Prinzipiell wird in dieser Phase die Weiche gestellt, inwieweit der Klient seine Bedürfnisse nach außen durchsetzen kann und inwieweit er Anpassungsleistungen vollbringen muß.
(4) Entscheiden:
Hilfe bei der Wahl des Entscheidungszeitpunktes. Kontrolle des ausreichenden Wissensstandes
für die Entscheidung und der Berücksichtigung aller Optionen. Hilfe bei
Aufwand-Nutzens Optimierung. Lenkung der Energie auf Ersatzziele
Die Entscheidung für einen Regelverstoß wird oft in bestimmten Situationen getroffen. Typisch ist ein Aufmerksamkeitsverlust der Lehrerin in einer sonst reizarmen Situation. Hier kann durch Beobachtung des Klienten und rechtzeitiger Intervention die Entscheidung für einen Regelverstoß verschoben oder verhindert werden. Manchmal hilft ein Hinweis auf einen nahe Pause oder die Bewußt-machung von Zeitstrukturen überhaupt. Die subjektive Unendlichkeit der Situation kann so aufgehoben werden. Evtl. hilft auch permanenter aber moderater Zeitdruck, um abweichendes Verhalten zu verhindern.
Der direkte Einfluß auf die Entscheidung bei Kindern ist nicht untypisch, weil allein der Kontakt eines Erwachsenen die Grundsituation sofort verändert. Hilfreich kann aber auch die Bewußtmachung von Folgen der Entscheidung im Sinne einer Aufwand-Nutzen Optimierung sein. Mit den Worten: „Willst Du wirklich die anderen beim Lernen stören?“ wäre der Fokus auf die Folgen für andere gelenkt worden, was die Entscheidung nicht aufgehoben, die Folgen ihrer Ausführung jedoch deutlich abgeschwächt hätte.
Als Alternative hätte man Mike das Abwischen der Tafel anbieten können, um die
Energie nach der Entscheidung noch umzulenken. In dieser Phase
sind alle Interventionen sinnvoll, die Kenntnis über die Konsequenzen der Entscheidung
für den Klienten und für andere vermitteln. Ist die Entscheidung auf der Basis
fehlenden Wissens erfolgt, kann auch bei Beseitigung dieses Defizits ein Handlungsabbruch
erreicht werden.
(5) Planen: Hilfe
bei der Beschaffung von Informationen für die Durchführung der Handlung. Hilfe
für eine realistische Planung
Bei einer abweichenden Handlung gilt natürlich, Planungsressourcen
zu entziehen. Es kann Deutungsmacht ausgespielt oder Zugriff auf erforderliche
Informationen verhindert werden. Die Planungseuphorie kann durch taktile Reize
mit der Bedeutung von Kontrolle abgeschwächt werden. Im Fall von Mike hatte die
Lehrerin nur eine kleine Spanne, um in dieser Phase zu intervenieren. Es hätte
vielleicht ein Auflegen der Hand auf die Schulter gereicht oder das in den Weg
treten, um die Planung der Handlung zu unterbrechen.
(6) Agieren: Beistand
beim Handlungsakt, Hilfe bei der Wahl von Ort Zeit und Mittel.
Wie in Phase (5) gilt auch hier, die abweichende Handlung zu verhindern. Auch in dieser Phase kann, wenn auch nur schwer, die Ausführung durch kommunikative Intervention verzögert oder verhindert werden, insbesondere wenn durch die Kommunikation neue relevante Faktenlagen geschaffen werden. Manchmal reicht die Entdeckung und Wahrnehmung der Tat, um sie abzubrechen, manchmal Worte, die neue relevante Fakten für den Täter schaffen oder androhen.
In der nächsten Stufe könnte die Intervention darin bestehen, daß das Kind angefasst und zum Platz zurückgeführt wird. Damit befinden sich Klient und Lehrerin vollständig in der Handlungsumwelt und agieren gegeneinander um den Zugriff auf die Ressource „Raum“. Aus Kommunikation ist ressourcielle Handlung geworden.
Ressourcielles Handeln, sei es durch Einsatz zusätzlicher Betreuungs-Ressourcen oder durch Restriktion des Ressourcen-Zugriffs zwingen, auf den Punkt gebracht, den Klienten immer zumindest zur Scheinanpassung. Ob darüber hinaus Änderungen der Werte- und Würdeinstanz zu erwarten sind, hängt davon ab, ob die aufgespannten Lernfelder in der Quantität richtig dosiert wurden und ob die Maßnahmen von den Personen sichtbar mitgetragen werden, die relevant für die Selbstbewahrungsinstanz des Klienten sind.
Das Beispiel zeigt, daß eine 12-gliedrige, differenzierte Analyse von Handlung und Wahrnehmung möglich ist. Auch eine systematische Interventionsplanung kann auf dieser Basis erfolgen. Der Erkenntniszuwachs besteht in einer deutlicheren Unterscheidung von gegeneinander abgegrenzten Phasen, was den Zugang zu detaillierterer Analyse und Interventionsplanung eröffnet. Ansätze anderer Theorien lassen sich integrieren.
Weiterer Vorteil des Modells ist, daß sich durch die Unterscheidung zwischen ressourcieller und kommunikativer Intervention der Ressourcenbedarf und die Ressourcenrestriktion explizit in Abgrenzung zu Kommunikation beschreiben und begründen lassen.
Die Phase der Entscheidung für oder gegen eine Durchsetzung der Bedürfnisse des Klienten nach Außen bzw. für oder gegen eine eigene Anpassungsleistung läßt sich deutlich abgrenzen. Die Bedingungen und Optionen für eine Entscheidung werden deutlich unterschieden.
Der Aufwand einer Fallanalyse scheint zunächst hoch, die Systematik zwingt jedoch zu differenzierte Betrachtung und zeigt Optionen auf, die sonst verborgen geblieben wären.
Die zentrale Position des Modells im Hilfeprozess fokussiert auch prozeßhafte Ansätze immer wieder auf die Wahrnehmungs- und Entscheidungsstrukturen des Klienten und unterscheidet in jeder Phase dessen Befindlichkeit und dessen Aktionen von denen des intervenierenden Sozialarbeiters oder anderer Beteiligter. Neben strukturellen Qualitäten der Phasen und Instanzen können energetische Anteile der Prozesse betrachtet und berücksichtigt werden, die als ressourciell und dynamisch aufgefasst werden und die eigentliche Verbindung zur biologischen und sozialen Systemebene herstellen.
Durch die Ableitung aus einer sehr elementaren Systemumgebung und die zentrale Position des Modells als Beschreibung des menschlichen Denkens ist die theoretische Reichweite groß. Der psychologisch orientierten Beschreibung dieser Arbeit könnte eine Beschreibung sozialer Institutionen nach ähnlichem Schema hinzugefügt werden.
Die energetischen und strukturellen Rückkopplungsfunktionen machen das Modell sehr komplex in der Anwendung. Insbesondere an dieser Stelle ist weiterer Beschreibungsbedarf und evtl. auch Schärfungsbedarf der Modelldefinition erforderlich.
Weiter zu beschreiben sind auch der Einfluß der Identifikation des ungeteilten Subjekts auf die Wahrnehmung und Handlung und damit die Fragen des Bewußseins im Modell. Der Unterschied reflektierenden, quasi symbolischen Bewußseins (Denken) zu ressourciellen Bewußseinsformen (Duschen) könnte über Identifikationsorte des ungeteilten Subjekts erklärt werden.
Betrachtungen zur Identifikation mit äußeren Objekten bzw. Subwelten und Methoden zur Auflösung von Identifikationen, die sich aus Re-Integrationsregeln des Systemansatzes herleiten lassen, versprechen neben den energetischen Aspekten interessante Anwendungen in der Suchtforschung.
Auch die Entwicklung von kleinkindlichen zu ausgereiften Handlungsmodellen könnte untersucht werden.
Das Thema der Kommunikationsformen auf Basis des Modells könnte weiter ausgearbeitet werden.
Um die biologische Ebene nicht zu vernachlässigen, könnte der These nachgegangen werden, daß es Zusammenhänge zwischen dem Energiefluß durch die Phasen des Modells und den ebenfalls zyklischen Phasen der Atmung gibt.
Zur Validierung des Modells müssten Methoden gefunden werden, die nachweisen, daß sich 12 Bewußtseinszustände entsprechend der 12 Phasen unterscheiden lassen. Die Zustände müssten aufeinander aufbauen und deutliche Phasengrenzen besitzen. Wenn Zusammenhänge mit der Atmung darstellbar wären, könnte diese zur Validierung genutzt werden.
Es konnte gezeigt werden, daß eine Zusammenführung unterschiedlichster Merkmale von Handlung und Wahrnehmung in einem einheitlichen Modell möglich ist. Das entstandene Handlungs- und Wahrnehmungsmodell ist plausibel. Die im Vergleich zu anderen Modellen größere Differenzierung ermöglicht Erkenntnis-gewinne bei der Analyse von Wahrnehmungs- und Handlungsprozessen. Es wurde aber auch deutlich, daß eine weitere Schärfung der Definitionen an vielen Stellen sinnvoll ist. Die Abgrenzung zwischen Definitionsebene und erster Deutungsebene muß verbessert werden. Die Komplexität des Modells ist groß, durch die einfache Systematik aber überschaubar. Der Einfachheit halber könnte das Modell auch 6-Instanzen Modell genannt werden. Der Komprimierungsgrad und die Ordnung von Wahrnehmungs- und Handlungskategorien unter Verwendung existierender gebräuchlicher Begriffe ermöglicht eine praktikable Handhabung des Modells auch für Praktiker. Das erreichte Ergebnis erscheint mir sinnvoll und anwendbar. Durch die klientenzentrierte Verknüpfung gebräuchlicher Kategorien kann das Modell zur Integration verschiedener theoretischer Ansätze im Bereich der Sozialen Arbeit Verwendung finden. Offensichtlich ist, daß Modelle dieser Komplexität eines hohen Aufwands zu ihrer Aneignung und Handhabung bedürfen. Ob Aufwand und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis für die Zielgruppe der Praktiker stehen, mögen diese beurteilen. Auf alle Fälle wäre zu einer weiteren Integration des Modells in die Theorielandschaft noch viel Arbeit zu leisten. Eine mehr praxisgerechte Darstellung ohne die systematischen Fesseln einer theoretischen Arbeit könnte die Verwendbarkeit für Praktiker verbessern. Aus meiner Sicht war das Ergebnis der Arbeit den Aufwand wert und bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für weitergehende Untersuchungen und Revisionen, ohne in seiner grundsätzlichen Struktur in Frage gestellt werden zu müssen.
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mehr als sie
brauchen, haben alle
ich allein vertue, was ich hab
mein herz ist eines toren herz
einfältig dumpf
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